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Full text : Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 18 (1890)

Segelanweisung  für  den  Hafen  von  Memel.

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Sobald  das  Lootsenfahrzeug  die  rothe  Flagge  keifst,  wird  auch  die
Winkbake  in  Bereitschaft  gesetzt,  um  damit  die  später  angegebenen  Signale
machen  zu  können,  wonach  der  Führer  des  einlaufenden  Schiffes  sich  ebenfalls
richten  kann.
15.  Bei  sehr  schweren  Stürmen  aus  SW,  West  bis  NW  wird  den  Führern
tiefgehender  Schiffe  gerathen,  rechtzeitig  beizudrehen  und  erst  nach  Memel  abzuhalten, ­
  wenn  die  Heftigkeit  des  Sturmes  nachgelassen  hat.  Die  See  ist  bei
solchen  Stürmen  unweit  des  Seegats  sehr  in  Aufruhr  und  verursacht  im  Seegat
eine  hohe  Brandung.
16.  Bei  Stürmen  aus  Süd  bis  SW  sollte  kein  Segelschiff  versuchen,  einzulaufen, ­
  denn  dann  läuft  die  Küstenströmung  nach  Norden,  der  Haffstrom  ist
auslaufend,  und  beide  vereint  versetzen  das  Schiff  zu  sehr  nordwärts,  als  dafs
es  bei  diesem  schralen  Winde  der  Strandung  auf  oder  hinter  der  Nordmole  etc.
entgehen  könnte.
17.  Dagegen  können  bei  Stürmen  aus  WSW,  West  bis  Nord  Schiffe  mit
geringerem  als  4,8  m  Tiefgang  bei  der  bereits  früher  angegebenen  Wassertiefe
im  Seegat  von  6,0  m  nach  der  Winkbake  einlaufen.
18.  Wenn  der  Führer  eines  Schiffes  bei  diesen  Stürmen  das  Lootsenfahrzeug
  nicht  in  See  findet,  die  rothe  Flagge  aber  an  der  Winkbake  aufgezogen
weht  und  er  ohne  Lootsen  einsegeln  will  oder  mufs,  so  hat  er  die  Signale  der
Winkbake  genau  zu  beachten.  Sind  die  Witterungsverhältnisse  und  der  Tiefgang ­
  des  ankommenden  Schiffes  der  Art,  dafs  dem  Einlaufen  nach  der  Winkbake ­
  nichts  im  Wege  steht,  so  bleibt  die  Mittelbake  aufrecht  stehen;  mit  der
Winkbako  und  der  daran  befestigten  Flagge  werden  die  Signale  gegeben,  und
mufs  der  Schiffer  nach  der  Seite  steuern,  nach  welcher  die  Flagge  geneigt  wird,
und  diesen  Kurs  so  lange  beibehalten,  bis  die  Flagge  (Winkbake)  wieder
geradeauf  steht,  und  dann  wieder  gerade  auf  die  Winkbake  zusteuern,  und
zwar  so  lange,  bis  die  Flagge  wieder  nach  der  einen  oder  anderen  Seite
geneigt  wird.
19.  Wenn  der  Schiffer  auf  das  einmalige  Neigen  der  Flagge  den  richtigen
Kurs  nicht  zeitig  genug  einschlägt,  so  wird  die  Flagge  wiederholentlich  nach
der  Seite  geneigt  werden,  nach  der  gesteuert  werden  soll.  Durch  dieses  Manöver
wird  zugleich  angedeutet,  dafs  eine  schleunige  Abänderung  des  bisher  gesteuerten
Kurses  nothwendig  ist.
20.  Die  so  einlaufenden  Schiffe  müssen  möglichst  viel  Segel  führen  und,
selbst  wenn  der  Wind  von  achtern  ist,  darf  der  Klüver  nicht  fehlen,  damit
durch  diesen,  wenn  das  Schiff  von  einer  hohen  See  quer  geworfen  werden  sollte,
dasselbe  schnell  wieder  in  den  richtigen  Kurs  gebracht  werden  kann.
21.  Ist  das  Einlaufen  des  Schiffes  wegen  Eisgangs,  zu  grofsen  Tiefgangs
und  sonstiger  Umstände  halber  unmöglich  oder  mit  grofser  Gefahr  verbunden,
so  werden  die  beiden  vordersten  Baken  (§  28)  niedergelegt.
Alsdann  darf  ein  Schiff  nur  im  Falle  dringendster  Noth  einlaufen.  Kommt
aber  trotz  der  niedergelegten  Baken  ein  Schiff  dem  Fahrwasser  zu  nahe,  so
wird  die  Winkbake  wieder  aufgerichtet  und  mit  derselben  die  Signale  für  das
Steuern  in  vorhin  beschriebener  Weise  gegeben;  die  Mittelbake  bleibt  aber  niedergelegt, ­
  wodurch  angedeutet  wird,  dafs  Gefahr  beim  Einsegeln  vorhanden  ist.
22.  Ist  aber  das  Einlaufen  in  den  Hafen  Eises  oder  anderer  Verhältnisse ­
  wegen  überhaupt  und  für  jedes  Schiff  unmöglich,  dann  wird  auf  dem
Leuchtthurm  ein  Ballon  geheifst  werden;  die  Stange,  an  welcher  der  Ballon  in
die  Höhe  gezogen  wird,  befindet  sich  auf  der  Ostseite  der  Laternenkuppel  und
ragt  3,83  m  und  die  Unterkante  des  Ballons,  wenn  er  hochgezogen  ist,  1,63  m
über  die  Spitze  derselben  hinaus.
23.  Innerhalb  der  Nordermolenspitze,  wo  die  See  nicht  mehr  bricht,
erwartet  das  auf  die  Winkfiagge  einlaufende  Schiff  ein  Lootsenboot,  und  hat
das  Schiff  bei  Zeiten  seine  Fahrt  zu  mindern  und  ein  leichtes  Tau  für  das
Lootsenboot  und  event.  auch  eine  Fallreep  in  Bereitschaft  zu  halten,  damit  der
Lootse  an  Bord  kommen  kann.
24.  Um  den  ankommenden  Schiffen  zu  zeigen,  ob  der  Strom  ein-  oder
ausläuft,  wird  auf  dem  Lootsenthurme,  der  23,6  m  hoch  ist  und  etwa  754  m
nach  SSO‘/sO  von  der  Winkbake  entfernt  liegt,  eine  blaue  Flagge  wehen,  und
zwar  an  der  Westseite,  wenn  der  Strom  ausläuft,  und  an  der  Ostseite,  wenn  er
einläuft.
            
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