Vierteljahrs-Wetter-Rundschau der Deutschen Seewarte, Winter 1885—86. 151
Veröffentlichungen eine auch nur annähernd ähnlich kurze Reise. 1 ) Dabei segelte
das Schiff freilich in Ballast, es ist aber vollgebaut und durchaus kein Klipper.
Die Erklärung für diese ausgezeichnete Fahrt ist, abgesehen von der
energischen Schiffsführung und der immerhin guten Segelfähigkeit des Schiffes,
in der ganz ungewöhnlich günstigen Wetterlage zu suchen, welche uns die
Karte V zeigt. Die Lagerung des Hochdruckgebietes des Atlantik war zur
betreffenden Zeit eine derartige, dafs kräftige Nord- und Nordostwinde die
Schiffe ununterbrochen vom Kanal bis zur äquatorialen Passatgrenze, und das
heifst für diese Jahreszeit im günstigsten Falle bis zur Linie, begleiten mufsten.
Dementsprechende Verhältnisse wurden denn auch vom „jErwin Rickmers“ an
getroffen. Als das Schiff um 4 Uhr Nachmittags des 9. Januar Lizard passirte,
wehte dort an der Nordostseite des Hochdruckgebietes ein frischer Nordwost-
wind, bei dem ein sehr rascher Fortgang nach Südwesten erzielt werden konnte.
So wie das Schiff nach dieser Richtung vorrückte und damit mehr an die öst
liche Seite des Hochdruckgebietes gelangte, räumte der kräftige Wind auf, und
schon nach wenigen Tagen ging derselbe in den Passat über, ohne dafs dabei
auch nur eine Abnahme der Windstärke zu bemerken gewesen wäre. Das Schiff
legte damals an verschiedenen Tagen mehr als 260 Sm im Etmal zurück. Etwas
schwächer wurde der Wind erst südlich von 10° N-Br. In Mallung oder Stille
gerieth der „Erwin Rickmers“ jedoch erst, nachdem um 8 Uhr Nachmittags des
24. Januar die Linie in 24,3° W-Lg schon überschritten worden war. Es war
damit eine Segelfahrt vollendet, die auf dieser Strecke wohl noch auf lange
Zeit hinaus unübertroffen dastehen wird.
Im zweiten Drittel des Januar verliefsen die drei Mitsegler „Libussa“,
„P/ms“ und „Peter Godeffroy“ den Kanal. Auch sie vollendeten ihre Reise zur
Linie in der immerhin befriedigend kurzen Zeit von 27 Tagen. Zu Anfang
derselben fanden sie recht ungünstige Verhältnisse. Die Lage des Hochdruck
gebietes war inzwischen eine ganz andere geworden. An die Stelle der vom
Kanal ab wehenden beständigen Nord- und Ostwinde waren nun stürmische
Westwinde getreten, welche verursacht wurden durch in der Nähe Schottlands
auftretende Tiefdruckgebiete, und ebenso ungünstig wurden die Verhältnisse
durch das auf Karte VI dargestellte, vom Atlantik zur Nordwestspitze Spaniens
sich bewegende Tiefdruckgebiet beoinflufst. Die nördliche Passatgrenze wurde
erreicht: von der durch die vorhergehenden Westwinde weit nach Osten ver
drängten „Libussa“ in 28,1° N-Br und 16,1° W-Lg am 26. Januar, von „P/ms“
*) Die in den vorliegenden Berichten aufgeführten sehr raschen Seglerfahrten vom Kanal
nach der Linie — von 19 Tagen und weniger — sind die folgenden:
1. Schiffe, vornehmlich englische, in der Fahrt nach Australien (nach Neumayer, Meteoro
logical and Nautical Observations, Melbourne 1864):
passirt Lizard
erreicht die
Linie
„Lincolnshire“
1859 Januar
7 in
17 Tagen
6
Stunden
„Monica“
» »
2
18 „
18
1 »
„Orwell“
1860 Februar 14 „
18 „
12
1 „
„Flying Cloud“
75 »
i6
17 »
—
»
2. Niederländische Schiffe
in der Fahrt nach Java (Zeilaanwijzingen
van het
Kanaal naar
Java. K. N. M. J. 1860):
passirt Lizard
erreicht
die Linie
„Kosmopoliet“
1856 Februar 18
in 18 Tagen — Stunden
„Azia“
»
» 21
„ 18
55
—
75
„Mr. v. d. Wal v. Puttershook“ „
November 6
» 18
»
18
75
„Kosmopoliet“
,
Dezember 20
» 17
»
12
»
3. Deutsche Schiffe (nach den Journalen der Seewarte):
passirt Lizard
erreicht
die Linie
Schiß" „La Rochelle“ Kapt.
J. H. Witt
1869 März
11
in
18 Tagen 21 Stunden
„ „Susanne Godeffroy“ „
J. Früchtenicht
1875 März
17
75
17 „
14 „
Bark „Hannover“ „
A. Beneke
1885 März
19
75
18 „
19
„ „J. H. Nicolai“ „
H. Drees
1886 Januar 6
18 ,
12
Schiff „Erwin Rickmers“ „
J. Häslingen
75 »
9
>5
15 „
4 „
Bark „Plus“ „
C. Steincke
„ November 24
17 „
10
V »Carl“ „
A. Köhler
55 75
24
55
18 »
55
„ „Mimi“ „
R. Meyer
» »
24
75
18 „
12 »
ln Maury’s Tabellen sind Reisen von der angegebenen kurzen Dauer nicht aufgeführt. Die
mittlere Dauer einer Segelschiffsreise vom Kanal nach der Linie ergiebt sich für die Wintermonate
zu ungefähr 29 Tagen, wonach also „Erwin Rickmers“ seine Fahrt in wenig mehr als der Hälfte
der gewöhnlich gebrauchten Zeit vollendete.