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Ann. d. Hydr. etc., XVIII. Jahrg. (1890), Heft I.
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Ueber den Zusammenhang zwischen der Windgeschwindigkeit und den
Dimensionen der Meereswellen, nebst einer Erklärung für das Auftreten
von Wellen von langer Periode an frei gelegenen Küstenpunkten.
Von Prof. Dr. C. Bürgen.
Es gilt als unbestinttene Thatsache, dafs die Dimensionen der auf dem
Meere durch den Wind hervorgerufenen Wellen von der Stärke, oder der
Geschwindigkeit des Windes in ganz bestimmter Weise abhängen, so dafs, voraus
gesetzt, dafs man es mit einfachen Wellen zu thun hat, einer bestimmten Wind
stärke, bei voller Ausbildung, W r ellen von bestimmter Höhe und Länge ent
sprechen müssen. Diesen Zusammenhang aufzufinden, sind verschiedene Versuche
gemacht worden, welche aber alle kein befriedigendes Resultat ergeben haben.
Die Ursache des Mifslingens liegt zum Theil in mangelhafter Kritik des Boob-
ncktuugsmaterials, indem offenbar vielfach Dünung und direkt durch den zur
Zeit bestehenden Wind hervorgerufene Wellen zusammongeworfen wurden, 1 ) zum
Theil darin, dafs aufser der Windstärke noch andere Verhältnisse, wie Zeitdauer
der Windwirkung, Seeraum und in gewissen Fällen Tiefe des Wassers einen
erheblichen Einfluss auf die Dimensiouen der entstehenden Wellen ausüben,
welchen in Rechnung zu ziehen kaum ein Versuch gemacht worden ist. Dazu
kommt noch, dafs die Uebertragung der in einer willkürlichen 8-, 10- oder
12-theiligen Skala geschätzten Windstärken auf Meter per Sekunde in ganz ver
schiedener und ganz willkürlicher Weise geschehen ist. Um zu zeigen, wie eine
verschiedene Annahme der Uebertragung der geschätzten Windstärken auf Ge
schwindigkeit in Metern per Sekunde zu ganz verschiedenen Formeln für die
Wellendimensionen führen kann, sei erwähnt, dafs die von Goupvent de Bois
nach der Formel h = Aw* berechneten, den verschiedenen Windstärken ent
sprechenden Wellenhöhen von Krümmel bei einer anderen rationelleren An
nahme der entsprechenden Geschwindigkeiten durch die einfache Formel h = \w'
wiedergegeben werden konnten. 2 )
Indem wir im Folgenden versuchen, Formeln für die Dimensionen der
Wellen in ihrer Abhängigkeit von der Windstärke aufzustellen, welche auf alle
Verhältnisse Rücksicht nehmen, wird es daher unsere erste Aufgabe sein müssen,
eine rationelle, den Beobachtungen möglichst entsprechende Uebertragung der
geschätzten Windstärken auf Geschwindigkeit in Metern per Sekunde aufzustellen.
Auf S. 372 des Jahrgangs 1889 hat Prof. Mohn eine Zusammenstellung von
korrespondirenden Windstärken nach Beauforts 12-theiliger Skala und Ge
schwindigkeiten in Metern per Sekunde gegeben, die wir hier wiedergeben und
noch durch die in dem deutschen Polarwerke 3 ) Bd. II S. 31 gegebenen Werthe
ergänzen.
b S. von Boguslawski-Krünnnel: Ozeanographie II, S. 71.
2) a. a. O. II, S. 69.
s ) Die internationale Polarforschung. Ergebnisse der deutschen Stationen.