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Full text : Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 17 (1889)

Bemerkungen  über  die  Durchsichtigkeit  des  Meerwassers.

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untere  Grenze  der  Vegetation  kaum  tiefer,  als  bei  200  bis  250  m  zu  erwarten.
Die  merkwürdige  Eigenschaft  des  grünen  Farbstoffes  der  Pflanzen,  durch
Fluorescenz  auch  die  grünen  und  blauen  Strahlen  in  rothe  umzuwandeln,  kann
hieran  bei  der  sehr  schnellen  Abnahme  der  gesäumten  Lichtintensität  mit  der
Tiefe  und  dem  oben  konstatirten  ziemlich  beträchtlichen  Lichtbedürfriifs  selbst
der  schattenliebenden,  braun  oder  roth  pigmentirfen  Algen,  nicht  viol  ändern.
Was  in  grofsen  Tiefen,  von  Diatomeen  abgesehen,  an  pflanzlichen  Wesen  vorkommt, ­
  kann  nur  parasitisch  auf  Thieren  leben  und  damit  ganz  unabhängig  von
jedem  Lieht  sein.
Die  in  allen  Meeresschichten  und  -Tiefen  nachgewtesene  Thierwelt
bietet  in  ihren  sogenannten  Tiefseeformen  (der  abyssischen  Fauna)  zur  Bemtheilung
  der  vorliegenden  Frage  ganz  besonders  viel  anregende  Thatsachen,
welche  Verrill 1 )  mit  Geschick  zusammengestellt  hat.  Er  woist  zunächst
darauf  bin,  dafs  neben  sehr  zahlreichen  blinden  Tiefseethieren  doch  auch
nicht  wenige  mit  Augen  ausgestattet  sind,  also  doch  sehen  müssen.  Dazu
sind  diese  Augen  zum  Theil  sehr  grofs,  zum  Theil  auch  sehr  hoch  entwickelt,  und
es  ist  bekannt,  dafs  sie  sonst  überall  solchen  Thieren  verlören  gehen,  welche
in  absoluter  Dunkelheit  leben  müssen  (wie  den  Bewohnern  der  Höhlenteiche).
Freilich  ist  nicht  immer  ausgeschlossen,  dafs  diese  augenbegabten  Tiefseethiere
auch  in  die  höheren  Schichten  hinaufgehen,  wenigstens  in  das  Gebiet  eines
gewissen  diffusen  Lichtes  bei  Tage.  Aber  auch  die  unbeweglichen  Thiere  haben
Eigenschaften,  welche  auf  die  Anwesenheit  von  Lieht  am  Meeresboden  schliefsen
lassen:  sie  sind  vielfach  sehr  lebhaft  gefärbt.  Und  zwar  übevwiegen  durchaus
die  Farbentöne  der  rothen  Seite  des  Spektrums:  purpur,  orange,  braunroth.
Schon  gelbe  Färbung  ist  selten,  grün  und  blau  noch  mehr.  Da,  wie  wir  sahen,
das  Seewasser  die  Strahlen  der  rothen  Seite  des  Spektrums  schnell  und  stark
absorbirt,  so  werden  roth  gefärbte  Thiere  am  Meeresgründe  von  ihren  mit
Augen  begabten  Feinden  nur  ebenso  dunkel  gefärbt  gesehen  werden,  als  wären
sie  braun  oder  schwärzlich,  wie  die  Mehrzahl  der  Tiefenformen.  Diese  rothe
Farbe  bietet  ihnen  also  den  gleichen  Schutz  und  ist  zu  diesem  Zwecke  sozusagen
angezüchtet.  Wäre  die  Färbung  Zufall,  so  müfste  man  sich  wundern,  keine
blau  und  violett  gefärbten  Tiefseethiere  anzntreffen.  Die  Thiere  werden  also
gesehen,  und  die  Augen  ihrer  Feinde  sind  wirklich  zu  fürchten.  Woher  aber
aas  Licht,  ohne  das  kein  Sehen  denkbar  ist?
Einige  Zoologen  sind  nun  geneigt,  die  Lichtquelle  in  der  Phosphorescenz
vieler  Thierfonnen  zu  suchen,  deren  Licht  überdies  wesentlich  aus  grüuen
Strahlen  zusammengesetzt  ist,  also  rothgefärbte  Körper  nur  wenig  beleuchten
kann.  Solche  selbstleuchtenden  Lebewesen  sind  in  allen  Tiefeuschichten  von
der  Oberfläche  bis  zum  Boden  herab  wirklich  nachgewiesen.  Verrill  meint
nuu,  diese  Thiere  liefsen  ihr  Licht  nur  dann  erstrahlen,  wenn  sie  gereizt  würden,
es  sei  überdies  auch  ein  zu  sehwaches  Licht,  was  indefs  nach  den  Erfahrungen
der  C/wiffew^rr-Expedition,  wie  nach  denen  Chun’s  bei  nächtlichem  Fischen  in
mittleren  Niveaus  zwischen  der  Oberfläche  und  dem  Bodeu  zu  bezweifeln  ist.
Jedenfalls  wird  es  örtlich  stärker  sein,  als  der  kleine  Best  von  Sonnenlicht,
der  überhaupt  in  diese  Tiefen  dringen  kann.  Ueberdies  kommt  dazu,  dafs  wir
über  die  Lichtempfindlichkeit  der  Augen  solcher  Tiefseeformen  absolut  nichts
wissen.  Wir  können  uns  aber  sehr  wohl  denken,  dafs  ihre  Sehnerven  auch  für
die  in  relativ  gröfster  Intensität  in  die  Tiefe  gelangten  ultravioletten  Strahlen,
welche  dem  menschlichen  Auge  unsichtbar  sind,  besonders  empfindlich  organisirt
seien;  es  wäre  dies  nicht  ohne  Beispiel  in  der  Thierweit.  Lubbock 2 )  hat
durch  Versuche  an  solchen  Ameisen,  welche  die  Dunkelheit  lieben,  festgestellt,
dafs  ihnen  das  ultraviolette  Licht  heller  und  unangenehmer  erscheint,  als  das
purpurrothe.  Da  nun  überall  in  der  Natur  eine  zweckmäfsigo  Anpassung  aller
Organe  an  die  vorhandenen  äufsoren  Bedingungen  gefunden  wird,  so  wäre  es
nicht  zu  verwundern,  wenn  eich  die  Augen  der  Tiefseethiere  etwa  besonders  auf
die  Empfindung  der  violetten  und  ultravioletten  Strahlen  eingerichtet  hätten.

J)  Science  vol.  4,  1884,  p.  8—10.  Auch  Marshall,  Die  Tiefsee  und  ihr  Leben,  Leipzig
1888,  S,  80.  Keller,  Das  Thierleben  in  grofsen  Meerestiefea,  Basel  1883,  S.  20  f.
s )  Lubbock,  Ameisen,  Bienen  und  Wespen  (Internat.  Bibliothek  Bd.  &?),  Leipzig  1883,
S.  153  ff.
            
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