Aus dem Reiseberichte der deutschen Bark „Oscar*.
385
seinem Liebhabertheater u. a. m. Es ist hier ein kleines Stück Deutschland
vorhanden. Nirgendwo an einem anderen fremden Orte der Erde, auf der ich
während meiner vierunddreifsigjährigen Fahrzeit manchen Hafen besucht habe,
habe ich mich so heimisch gefühlt und deutsche Sitte so erhalten gefunden wie
in der Kolonie Joinville.
Reismühlen, Zuckersiedereien und Raffinerien, Sägomühlen, ja selbst eine
Glashütte unweit Säo Bento arbeiten mit gutem Erfolg; aufserdem ist jedes
Handwerk in der Kolonie vertreten. Die Korbweide, welche es gelungen ist hier
einzu führen, liefert das Material für Flechtarbeiten, die naeh Santos und Rio
de Janeiro ausgeführt werden; desgleichen Möbel, aus inländischem Holz an
gefertigt. Es giebt hier mehrere Gerbereien, welche zur Lohe die Blätter des
Mangobaumes benutzen, auf den Brauereien wird ein gutes Bier gebraut, und
eine Anzahl Ziegeleien ist im Betrieb. Die Direktion der Kolonie ist im
Besitz einer Maschinenwerkstätte mit Eisengiefserel, welche gute Erzeugnisse
zu Tage fördert. Matömühlen sind in Joinville zwei vorhanden. Gartenfrüchte
gedeihen in Massen; Butter, Käse und Rindfleisch von guter Beschaffenheit sind
zu mäfsigen Preisen zu haben. In Sdo Francisco anwesende Schiffe, welche
kleine Reparaturen ausführen lassen müssen oder ihre Ausrüstung durch frische
Provisionen ergänzen wollen, thun dies am besten in Joinville, weil hier alles
billiger als am ersten Orte ist. Der Waareuverkehr zwischen beiden Plätzen
ist bislang durch Kutter und Schoner von 25 bis 50 Tonnen Gröfse auf dem
bei einem Tiefgange von 1,8 m (6 Fufs) mit Hochwasser bis Joinville schiff
baren Flusse aufrecht erhalten worden. Ein kleiner Häfen daselbst dient zur
Aufnahme der Fahrzeuge. Passagiere werden mit dem kleinen Dampfer „Dona
Francisco“ befördert, der regelmäfsig jede Woche drei Rundreisen macht. Der*
selbe besorgt auch die Post, die regelmäfsig jede Woche, einmal vom Norden
und einmal vom Süden mit einem brasilianischen Postdampfer in Säo Francisco
eintrifft. Der Führer dos Dampfers „Dona Francisco", Herr Andreas Beck,
ein schön über 30 Jahre in Joinville ansässiger Kolonist, steht jedem fremden
Kapitän in uneigennützigster Weise stets mit Rath und Auskunft zur Seite.
Das Klima war während unsei'es Hierseins im Monat August (Frühlings
anfang) ganz demjenigen des September in Norddeutschland vergleichbar,
indem warme, schöne Sommertage mit kalton Regentagen abwechselten. Die
Temperatur der Luft variirto zwischen 25° und 15° C.; Gewitterstürme traten
besonders am Ende des Monats heftig auf. In der Nacht vom 25. zum 26. August
fand ein Gewitter statt, welehes volle 12 Stunden andauerte und bei dem heftiger
Regen und Hagel von der Gröfse einer Erbse fielen. Der dabei oft stürmisch
einfallende Wind wehte nach und nach aus allen verschiedenen Richtungen.
Dieses Gewitter ist auch in der Kolonie Joinville beobachtet worden. Bei
ungestörten Witterungsverhältnissen weht der Landwind aus S bis SW in Säo
Francisco gewöhnlich von 6 Uhr Morgens bis 1 Uhr Nachmittags, selten die
Stärke 3 überschreitend. Gegen 2 Uhr Nachmittags setzt in der Regel die
Seebriese aus E bis SE ein, welche ganz bis zur Kolonio hinauf duvchstcht,
dort aber aus nordöstlicher Richtung weht. Die Leichterfahrzeuge benutzen
für ihre Fahrten flufsauf- und flufsabwärts, welche gewöhnlich 3 bis 4 Stunden
in Anspruch nehmen, natürlich stets den ihnen hierzu günstigen Wind. Der
Dampfer „Dona Francisco“ benöthigt für diese Tour 2 bis 2‘/2 Stunden.
Eine sehr gute Veröi'duung in Säo Francisco ist die, dafs es keinem
Fremden gestattet ist, ohne einen Eriaubnifsschein vom Zollhause eines der im
Hafen liegenden Schiffe zu betreten. Selbst für die Geschäftsfreunde des
Kapitäns bedarf es eines Gesuches hei der Behörde und Zahlung einer Art von
Kopfsteuer, bevor ihnen die gewünschte Erlaubnifs ertheilt wird. Ich hatte
beispielsweise, um einen befreundeten Kaufmann aus Joinville nebst Familie
zum Besuch an Bord empfangen zn dürfen, für jede der fünf Personen einen
Schein mit einem Stempel, der 200 Reis kostet, zu lösen, also 1000 Reis zu
zahlen. Es ist zu bemerken, dafs sich um diese Zeit, wie während der ganzen
Zeit des Löschens und des Ladens, beständig zwei Zollbeamte an Bord befanden.
Es scheint mir in diesem Falle aber nur auf eine Pi’ellerei oder Wichtigthuerei
der Zollbehörde hinausgelaufen zu sein, denn nachdem ich über die mir wider
fahrene Behandlung beim deutschen Konsularagenten hier und dem deutschen
Konsul in Joinville Beschwerde geführt hatte, habe ich nicht mehr nöthig