380
Aas dem Reiseberichte der deutschen Bark „Oscar*.
Aus dem Reiseberichte des Kapi Ohr. Le Mo ult, Führer der
deutschen Bark „Oscar“.
(Mittfteikmg von der Deutschen Seewarle.)
I. Reise von Hamburg nach Port Pirie. Beschreibung eines Orkans
im Indischen Occan.
Nachdem „Oscar* am 21. November 1887, tief beladen mit 1000 Tonnen
Coment und nach Port Pine bestimmt, von Cuxhaven in See gegangen war,
befanden wir nns am 27. November bei stürmischem SSW-Winde im Nord
atlantischen Ocean auf 50° N-Br in 7,5° W-Lg. Von hier mit leichten ver
änderlichen Winden weiter segelnd, bekamen wir am 14. Dezember in 30° N-Br
und 25° W-Lg lebhaften ESE-Wind, der in NE-Passat überging und das Schifi-
bis zum 24. Dezember nach 6° N-Br in 26,5° W-Lg brachte. Nach Verlauf
von zwei Tagen setzte in 4,5° N-Br und 27,5° W-Lg der SE-Passat ein, mit
dem am 29. Dezember 12 Uhr Mittags nach einer Boise, die von 50° N-Br an
32 Tage betrug, der Äeqaator in 30,4° W-Lg geschnitten wurde.
Leichter, ziemlich raumer Passatwind führte die Bark bis zum 5. Januar
1888 nach 18° S-ßr und 32° W-Lg. Von hier ab wurde die Reise wieder sehr
verzögert, so dafs erst am 24. Januar der Meridian von Greenwich in 45,3° S-Br
erreicht werden konnte, nachdem 35° S-Br in 25° W-Lg und 40° S-Br in
12° W-Lg geschnitten worden waren. Bei vorherrschenden stürmischen Winden
von N durch NW nach W und zurück — der Wind holte niemals östlich von
N oder S und lief nur auf einige Wachen bis nach SSW — wurde die rund
3300 Sm lange Distanz von 0® bis 80° O-Lg, welch letzterer Meridian in
48,9° S-Br am 10. Februar gekreuzt wurde, in 17 Tagen abgelaufen; gewifs
eine gute Leistung für das tief beladene Schiff, welches unter den günstigsten
Verhältnissen eine Fahrgeschwindigkeit von nicht über 9,5 Kn erreicht.
Zwischen 27° und 77° O-Lg hielt sich die Bark zwischen 50° und 51° S-Br;
die Kerguelen-luselü wurden am 8. Februar in einem Abstande von 40 Sm bei
einem SSW- bis SW-Sturm, Stärke 9, passirt. In 48,3° S-Br und 82° O-Lg
flaute am 11. Februar der bis W aufgeräumte Wind bei einem Luftdruck von
751,6 mm zur Windstille ab, worauf am Nachmittage bei drohend aussehender
Luft, Regen und dichten Schneeschauern ein leichter NE-Wind durchkatn, der
auf unserem OSO-Kurse bei rasch fallendem. Barometer allmählich aufraurote
und bald zum Sturm von Stärke 9 zuuahm. Um 9 Uhr Vormittags am 12. Fe
bruar 1888, in 48,7° S-Br und 85,5° O-Lg, hatte der Nordstunn bei einem
Luftdruck von 731,2 mm mit der Stärke 10 seinen Höhepunkt erreicht. Gegen
10 Uhr trat plötzlich Windstille ein; eine Viertelstunde später kam leichter
NW-Wind durch, der aber bei langsam fallendem Barometer und heftigen
Regenböen gegen 12 Ubr Mittags schon die Stärke 9 erreicht hatte und dann
bei rascher abnehmendem Luftdruck zu einem schweren Sturm und schliefslieh
zu einem Orkan ausartete. Um 8 Uhr Abends erreichte das Barometer mit
726,9 mm seinen tiefsten Stand; um dieselbe Zeit sprang der mit furchtbarer
Gewalt wüthende Orkan von NW nach W um. Erst um 12 Uhr Nachts, bei
etwas abschwächendem Sturme, konnte ich wieder nach dem Barometer sehen,
und fand ich, dafs dasselbe in den letzten vier Standen um 11,2 mm gestiegen
war. Bis 8 Uhr Morgens den 13. Februar tobte der Stürm bei steigendem
Luftdruck ununterbrochen mit der Stärke 11 aus W; dann begann er abzu
nehmen, wobei er zugleich allmählich südwestlich holte. Um 12 Uhr Mittags
wehte er aus WSW mit Stärke 9; um 4 Uhr Nachmittags war er, nachdem er
seine Richtung wieder auf W verändert hatte, zu einer frischen Briese abgeilaut.
Seit 7 l /s Ubr Morgens lenzte das Schiff wieder vor dem Winde. Ich schätzte
die Höhe der Wellen während des Orkans um 9 Uhr Abends auf 15, die Länge
derselben, von Kamm zu Kamm, zu 200 bis 250 m. Ich füge hinzu, dafs ich
während einer viorunddreifsigjäh rigen Fahrzeit zur See, davon 18 Jahre als
KapitäD, keine solch hohen Wellenberge, wie in dem jüngst dnrchgemachten
Orkan, beobachtet habe, obschon ich wiederholt Taifune in der China-See und
viele schwere Stürme bei den Umsegelungen des Kap Horn erlebte.