Vierteljahrs-Welter-Rnncischau der Deutschen Seewarte, Herbst 1885.
355
der Küste von Neu-England aus einem schwachen, vom Golf kommenden Wirbel,
schritt von da nordwärts nach der Baffins-Bai fort, erreichte am 26. ihre
gröfste Intensität, theilte sich darauf am 27. und 28. in zwei und zog dann
in ihrem gröfseren östlichen Tkeilstücke zwischen Grönland und Island südwärts,
bis zum Schlafs dieses Zeitabschnittes. Eine Erklärung für diese so scharf
ausgeprägten Bewegungen läfst sich zur Zeit kaum geben. Druck und Tempe
ratur waren am 23.—26. freilich — wie der Regel entspricht — auf der rechten
Seite der Bahn höher, als auf der linken; allein die Unterschiede waren nicht
bedeutend; am 26. war zudem der Wärme-Unterschied (Jakobshavn 8,5® bei
SSE 6, Baffins-Laiid 0° bis —3°) z. Th. einer Föhnwirkung zuzuschreiben. Boi
der Südwärts-Bewegung am 28. und 29. ist das gewöhnliche Uebergewicht der
rechten Seite noch weniger erkennbar. Allein da beide Bewegungen innerhalb
eines sehr spärlich mit Stationen besetzten Gebietes und am Rande eines völlig
unbekannten sich vollzogen, so ist eine genauere Untersuchung derselben nicht
möglich.
In dem folgenden Zeitabschnitt vom 30. September bis 9. Oktober,
wo eine Reihe tiefer Depressionen auf den besser mit Beobachtungen besetzten
Tkeilen der Karte sich bewegten, bewährte sich hingegen jene Regel im All
gemeinen sehr gut, wie schon die Karte IV dieser Rundschau es zeigt. Die
Mehrzahl der Depressionsbahnen auf derselben ziehen mehr oder weniger parallel
der dargestellten Isobare von 765 mm und haben hohen Druck rechts und andere
Depressionen links von sich. So liegen Depressionscentren: am 30. am Onega,
West von Schottland und über Baffins-Land, am 1. Färöer und Baffins-Bai, am
4. NE und Süd von Island, am 6. Ost und West von Shetlands, am 7. Lofoten,
Süd von Island und von Grönland, am 9. Russ. Eismeer, Nordsee «nd SW von
Island. Im Wesentlichen stimmte auch die Temperatur-Vertheilung damit über
ein. Die mehrfache gleichzeitige Erduldung gleicher Schicksale bei diesen
korrespondireuden Cyklonencentren, so die Bahnschleife am 2., das Verschwin
den am 7., ist sehr seltsam. Besonderes Interesse beanspruchen die am West
rande von Depressionen entstehenden und rasch zu höchst intensiven Bildungen
heranwachsenden Theilminima am 6. und 9. mit ihren im Anfänge äufserst
schnellen halbkreisförmigen translatorischen Bewegungen.
Von diesen Depressionscentren war für uns das merkwürdigste jenes,
welches am Abend des 6. Oktober bei Liverpool lag und in den Morgenstunden
des 7. nahe nördlich von Hamburg vorbeiging, unter fortdauernder Vertiefung.
Die Aufzeichnungen derjenigen Apparate der Sec warte, welche kontinuirlieh
registrh'en, findet man von diesem Tage wiedergegebon in der „Monatlichen
Uebersicht der Witterung“: jene des Thermograph?, der alle 10 Minuten zeichnet,
findet man im täglichen Wetterbericht der Seewarte. Am Nachmittag des 6.
hatten zwei Gewitter, um ‘/¡»l* und ‘/-’3 h , ihre charakteristischen Wirkungen am
Barographen, Anemographen und Pluviographen geäufseit und, wie dies bei
Taggewittern die Regel ist, kurzdauernde kräftige Abkühlungen hervorgebracht;
darauf fand in der Nacht anhaltendes Sinken des Luftdrucks statt, wobei der
Wind erst bis ESE krimpte, dann, von 1 a an, langsam unter Auffrischen über
SW nach NW ausschofs, welchen Strich er um 8 a erreichte. Dadurch, dafs
die Depression während ihres Vorüberganges in Austiefung begriffen war, findet
eine bemerkeuswertlie Verschiebung in den Wendepunkten der einzelnen Elemente
statt: während die Reehtsdreliung des Windes schon um 1 a begann und der
starke Regen von 12 bis 4 a dauerte, währten die heftigen Windböen von 4 a
bis 8 a und wurde der niedrigste Barometerstand erst gegen 6 a erreicht. Die
Temperatur aber zeigte eine ganz anomale Zunahme von ‘2 a an, ein Maximum
gegen 6 a und ein neues Sinken bis 9 a, wonach erst die tägliche Periode wieder
in ihr Recht trat.
Ebenso interessant, wie jene von Hamburg, sind die Aufzeichnungen dev
Registrirapparate in dieser Nacht zu Brüssel, wo sie sich wesentlich anders
abspielten. Um 5 a, also vor Sonnenaufgang, ging hier das Barometer vom
Fallen zum Steigen über durch ein plötzliches Emporschnellen mn 1,1 mm —
eine Druckstufe, wie sie so oft Nachmittagsgewitter im Sommer charakterisirt;
gleichzeitig fand auch die ebenfalls für solche Gewitter charakteristische plötz
liche Abnahme der Temperatur, in diesem Falle von S'/a® statt. Die kürzlich
Ana. d. Hydr. etc., ISS9, Heit IX. a