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Vimeljährs-WeHi-r-ltundschau der Deutschen Seewarte, Herbst 1885.
wanderten nach einander von Labrador ostwärts. Die erste derselben fand auf
ihrem Wege westlich von Irland eine stärkere Depression vor, welche letztere
durch ihre Annäherung zu einer langsamen Bewegung erst nach Norden, dann
nach Westen veranlaßt wurde und verschwand, als am 6. die von Amerika
kommende Depression Irland erreichte. Hierauf nahm diese ihrerseits an Stärke
ab und wurde von einer neuen grofsen Depression überwuchert, welche, von
der Labradorküste kommend, südlich von Island sich sehr verstärkte. Aber
keine drei Tage später wurde dieser neue Wirbel seinerseits von einem neuen
von Labrador kommenden überwuchert, und der inzwischen bis nach Livland
gewanderte, der zum schwachen Theilminimum herabgesunken war, überlebte
ihn und erreichte am 12. September in Central-Russland bedeutende Entwicke
lung. In freilich viel schwächerer Ausbildung erinnern diese Vorgänge an jene
vom Ende des Januars 1884. In Deutschland war die Witterung in den ersten
vier Tagen beim Vorüberschreiten des schwachen Maximums von Schottland
nach Bulgarien ziemlich heiter, in dem Rest des Zeitraumes aber regnerisch
und gewitterreich, dabei ziemlich kühl.
Von dem obigen unterscheidet sich der folgende Zeitabschnitt vom
13. — 22. September besonders durch die Abwesenheit barometrischer De
pressionen in Süd- und Südost-Europa, welches den gröfsten Theil der Zeit
von einem bedeutenden Hochdruck-Gebiet eingenommen war. Da gleichzeitig
über dem Nord atlantischen Oeean tiefe Depressionen sich be wegten, so war
Deutschland von warmen südwestlichen Winden überfiuthet und das Wetter
meist sommerlich schön. Die langen Bahnen jener Depressionen fallen über
wiegend in den grofsen Strafsenzug, der sich von Manitoba über das südliche
Labrador und die Färöer nach dem Nordkap und Nowaja Semlja erstreckt,
also auf der europäischen Seite in die Zugstrafse I; parallel damit bewegten
sich schwächere Minima, etwa auf Zugstrafse IV. Die Fortpflanzung auch der
grofsen Wirbel war von Inteiisitätsändcrungen, Rück- und Neubildungen, unter
brochen. Unserer Karte nach fand das Verschwinden der Minima resp. ihre
UeberWucherung durch neu herankommende 1 Mal über Island, 1 Mal bei Bodö,
1 Mal bei Brest, 1 Mal in NE-Russland u. s. w t . statt, also an wechselnden
Punkten; das die Nordküste Schottlands streifend gezeichnete Minimum soll
danach im Laufe des 15. eine Abschwächung und in der folgenden Nacht eine
um so bedeutendere Verstärkung gefunden haben; allein das vorhandene Ma
terial läföt uns über die Vorgänge in diesen 24 Stunden über dem Norwegischen
Meere und seiner Umgebung im Unklaren und zeigt nur mit Bestimmtheit, dafs
das tiefe Depressionscentrum, welches am 16. daselbst lag, sich durch rasche Vei 1 -
tiefung an Ort und Stelle aus einem oder dem anderen Keime gebildet habe,
da am Abend von ihm kaum etwas zu erkennen ist.
Am Schlufs des hier betrachteten Zeitraumes verlegte sich der Schwer
punkt des atlantischen Maximums von den Azoren vor den Kanal. Der folgende,
dritte, Zeitabschnitt vom 23.—-29. September ist besonders durch seine
barometrischen Maxiina charakterisirt: jenes vom Kanal wanderte in diesen
Tagen durch Oesterreich nach dem Aralsee, während ein vom 20.—22. rasch
aus Canada herangezogenes nach Erreichung des Meridians von 30° West auf
der Breite von Irland mit dem Rest des Azoren-Maximums verschmolz und sich
nun langsam nach Süden verschob. In der Furche zwischen beiden Hochdruck-
Gebieten, welche nach Nordost in eine Depression von mäfsiger Ausbildung
über Nordrussland mündete, entstanden in diesen Tagen mehrere Theilminima
über Mitteleuropa, deren eines sich in Norditalien zu einem bedeutenderen
Phänomen ausbüdete. Regnerisches Wetter mit rasch abnehmender Temperatur
charakterisirte diesen Zeitraum für ganz Centraleuropa; sekliefslich traten am
28. und 29. in Süddeutschland und der Schweiz ausgedehnte Schneefälle ein,
was z. B. in München und Zürich seit 42 resp. 50 Jahren so früh nicht vor
gekommen war. Vom Wendelstein sah das ganze Flachland weil« aus, die
ganze Nordost- und Central-Schweiz wurde mit einer 8 bis 20, in höheren Lagen
sogar bis 50 cm hohen Schneedecke bedeckt. Auch im südlichen Baden wurde
an diesem Tage durch den Schneedruck vielfach an Obst- und Waldbäumen
Schaden angerichtet.
Im westlichen Theile der Karte ist es besonders eine mächtige Oyklöne,
welche unsere Aufmerksamkeit fesselt. Sie entstand in der Nacht zum 23. an