Die Gezeiten längs der niederländischen Küste.
277
2*
Abstand
Unterschied
der
Hafenzeiten
v in ra
per Sek
Westkapelle—Höek van Holland
68 km
78 Min.
14,5
Hoek van Holland—Katwyk . .
32 „
40 „
13,8
! Katwyk—Ymuiden .....
30
17 ,
2!),1
Ymuiden—Helder (1. H-W.). .
60 %
58 ,
17,5 |
Helder (2. H-W.) —Vlieland . .
48 „
82 „
9,8 I
Durch Theilung der verschiedenen Hafenzeiten in den gegenseitigen Ab
stand ergiebt sich die Geschwindigkeit v in m per 1 Sek. Der theoretische
Ausdruck für die Fortpflanzungsgeschwindigkeit einer Wellenbewegung (welche
bereits für die eotidal-lines gebraucht wurde), die sogenannte Formel von Airy
oder Lagrange v = j/gH, worin g — 9,813 und II = Wassertiefe, gestattet
die gefundenen Geschwindigkeiten zu kontroüren. Für eine mittlere Seetiefe
von 30 m wird v = 17,1m, welcher Werth ziemlich gut mit dem ans dem
Abstando Westkapelle—Helder 1. H-W. = 190 km in 3 !l 13® oder v = 16,4 m
per 1 Sek. übereinstimmt.
Die Verzögerung vor der festen holländischen Küste stimmt noch voll
ständig mit der Theorie. Wenn die Fluthwelle Jloek van Holland erreicht hat,
wird der zugehörige Theil der cotidal-line bereits voraus sein und daher ver
zögern. Es kommt noch hinzu, dafs für die ganze holländische Küste die Tiefe
bis weit in die See gering ist. Die grofse Geschwindigkeit zwischen Katvmk
und Ymuiden scheint nicht leicht zu erklären, vielleicht dafs durch Interferenz
der Nord- und Süd-Tido mit zusammengesetzten und Neben-Tiden die H-W.-Zeit
erheblich versetzt wird.
Die viel zu geringe Fortpflanzungsgeschwindigkeit zwischen dem Helder
(2. H-W.) und Vlieland zeigt deutlich auf fehlerhafte Voraussetzung. Nicht
vom Helder nach Vlieland, sondern in umgekehrter Richtung liegt die Fort
pflanzung der Fluthwelle.
Es ist bekannt, dafs die Gezeiten längs den nördlichen Inseln durch
eine Fluthwelle aus Nord west, durch die s. g. Nord-Tide oder schottische Fluth
welle verursacht werden. Die Untersuchungen des deutschen Kanonenboots
„Drache*, Kommandant Holzhauer, in der Nordsee 1881/84, ausgegeben durch
das hydrographische Amt, Berlin 1886, haben ergeben, dafs die Fluthwelle,
kommend von den Shetlands-lmolu, sich nördlich und südlich von der Doggers-
Bank in zwei Theile zerlegt. Die Hafenzeiten in Greenwich-Zeit für:
Station 1: 54° 10' N-Br, 2° 10' O-Lg 5 h 37 m ,
Station 3: 54° 12' N-Br, 2° 57' O-Lg 6» 40 m ,
zeigen deutlich auf eine ostwärts gerichtete Bewegung.
Dr. 0. Krümmel (Ozeanographie, Stuttgart 1887) berechnet nun für die
südliche Fluthwelle von Station 3 bis Vlieland ungefähr 204 km in 39 m Tiefe
eiuo Reisedauer von 2 h 54“, somit die Hafenzeit in der Höhe von Vlieland
8‘‘ 58 m . Direkt von den S/miZantZs-Inseln wird die Hafenzeit für 935 km in
85 m Tiefo 8 11 6 m . Das Mittel von beiden Werthen kommt überein mit dem
unmittelbar aus den Fluthmesser-Ablesungen berechneten Werth von 8 h 33 ra .
(Längenuntersehied Greenwich-Amsterdam 20°’,)
Diese von Schottland kommende Fluthwelle interferirt nun auf der Höhe
vom Helder und vielleicht auch südwärts mit der aus dem Kanal stammenden.
Beide ungefähr fünf Stunden auseinander liegende Wellenbewegungen bilden
eine neue Welle, deren Scheitel zwischen dem der ursprünglichen liegen wird.
Aus Gründen, welche gleich besprochen werden sollen, scheint der neue Scheitel
nicht deutlich ausgebildet, sondern nur die H-W.-Zeit verlängert zu werden.
Eine solche Interferenz von zwei Bewegungen, welche gleiche Periode
und gleiche LäDge haben, doch nur in Phase sieh unterscheiden, wird niemals
Anleitung zur Bildung einer doppelten Fluth oder doppelten Ebbe abgeben.
Solches ergiebt sieh unmittelbar aus einer graphischen Zusammenstellung von
zwei Wellenlinien. Bereits von älteren Verfassern (B. P. G. van Diggelen: