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Pie leuchtenden Naehnvolken.
Die leuchtenden Nachtwolken, 1 )
(Bitte um Beobachtung derselben.)
Die leuchtenden Nachtwolken habe» sich seit ihrem ersten Auftreten im
Jahre 1885 alljährlich in den Monaten Juni und Juli in Europa wiederholt. Es
scheint aber, dafs der Werth derjenigen Fragen, welche eine systematische
Beobachtung der Erscheinung zu beantworten vermag, bisher nicht erkannt
oder nicht genügend gewürdigt worden ist; denn die Beachtung, welche dem
Phänomen bis jetzt entgegengeh rächt worden, ist eine verschwindend kleine.
Die leuchtenden Nachtwolken haben nicht allein eia hohes meteoro
logisches, sondern ein fest noch gröfseres astronomisches Interesse, weil sie,
wie es scheint, uns nicht allein Aufschlufs über die Frage, ob der WeitCüräum
mit einem widerstehenden Mittel augefülit ist, zu geben im Stande sind, sondern
weil auch ferner einige Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden ist, dafs wir in dem
Phänomen ein© Wiederholung, von Vorkommnissen sehen, welche in der früheren
Entwickelimgspöriodo der Erde sowie der Planeten im Allgemeinen eine grofse
Rolle gespielt haben mögen und zum Theil noch spielen.
Ich habe diese Gedanken in der Zeitschrift „Himmel und Erde“,
Februar-Heft 1889 (Verlag von Hermann Paetel, Berlin), näher entwickelt, und
ich will hier die wesentlichsten Punkte daraus hervorheben.
Der Umstand, dafs die leuchtenden Nachtwolken eine so entschieden
ausgesprochene periodische Bewegung zeigen, legt im Verein mit der aufser-
ordentlich grofsen Höhe — dieselbe hat sich auf Grund von photographischen
Aufnahmen zu etwa 75 km ergeben — die Annahme nahe, dafs hierin die
Wirksamkeit von kosmischen Kräften zum Ausdruck kommt. Berücksichtigt
man die Lage der Erdaxe im Raume zu der Beweguugsrichtung der Erde um
die Sonne, so erkennt man sogleich, dafs das Vorhandensein eines widerstehen
den Mittels im Raume sehr wohl den Gang der Erscheinung in der Weise
regeln kann, dafs wir dieselbe nur I» den Monaten Juni und Juli in Europa
sehen; das Phänomen würde dann in den Monaten Dezember und Januar in
der Zone von etwa 45° bis 60° südlicher Breite sich befinden.
Bemerkenswerth ist es, dafs gewisse Vorkommnisse auf der Jupiters
oberfläche änzudeuten scheinen, dafs die Atmosphäre dieses Planeten ganz ähn
lich von derjenigen Materie angefüllt ist, welche auf der Erde die leuchtenden
Nachtwolken veranlafst.
Das Phänomen der leuchtenden Nachtwolken kehrt ■— wenn es nach
einigen Jahren verschwunden sein wird — vielleicht erst nach Jahrzehnten,
vielleicht erst nach Jahrhunderten wieder, und es erscheint nach den bisherigen
Erfahrungen fraglich, ob dasselbe dann die Aufmerksamkeit der Beobachter in
hinreichendem Mafse fesseln wird, um es für diejenigen hoch interessanten
Fragen, weiche sich an die Entstehung, an die körperliche Beschaffenheit und
an die periodische Bewegung knüpfen, auszunutzen. Ich richte daher an
sämmtliche Sternwarten der Erde, ebenso an alle meteorologischen
Institute und an die Seefahrer die Bitte, auf das Phänomen achten
und mir Mittheilang über das Resultat der Beobachtung machen zu
wollen. Auch in dem Falle, dafs die leuchtenden Nachtwolken in den süd
lichen Breiten zwischen 45° und 60® in den Monaten Dezember und Januar,
und ebenso, wenn sie in den Aequatorgegenden in den Monaten März bis Mai
und September bis. November nicht gesehen worden sind, ist eine Mittteilung
darüber von grofsem Werth©.
In Bezug auf die Notirung der Wahrnehmungen ist es erwünscht, die
Zeit und den Ort der Beobachtung, ferner die Himmelsrichtung, in welcher das
Phänomen gesehen worden, sowie die ungefähre Ausdehnung der Erscheinung
anzugeboD. Die Zeit müfste auf etwa einige Minuten, die geographische Länge
und Breite des Beobachtungsortes auf etwa einige Bogenminuten genau an
gegeben werden. Ferner sind sonstige Mittheilungen über die Farbe und die
Form der Wolken erwünscht. Wenn aufser diesen Beobachtungen noch einige
Messungen über die Höhe des höchsten Punktes der Erscheinung über dem
1) Es wird ita Interesse der Sache uoa eine möglichst weit® Verbreitung dieses Artikels
ersucht,