Verhalten von Marine-Chronometern bei verschiedenen Fenehdgkeitsgraden.
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Die letztere Gegenüberstellung der Resultate beider Aus
gleichungen tliut in überzeugender Weise dar, dafs zweifellos die
Feuchtigkeit der umgebenden Luft den Gang' der Chronometer in
sehr bedeutendem Mafse beeinflufst hat. Die dritten Glieder der defini
tiven Gangformeln zeigen, dafs -— ausgenommen bei dem ersten Chronometer*) —
durch Vermehrung der Feuchtigkeit _ ein Retardiren erzeugt wird. Die überall
positiven Vorzeichen der fünften Glieder bonstatiren, dafs die Empfindlichkeit
der Chronometer gegen Feuchtigkeit während der Zeit der Untersuchung noch
bedeutend gewachsen ist, und lassen es wahrscheinlich erscheinen, dafs diese
Veränderung des Verhaltens durch den Modus der Untersuchung seihst, d. h.
durch den längeren Aufenthalt der Instrumente in mit Feuchtigkeit nahezu
gesättigter Luft, bewirkt worden ist.
Auf eine nachwirkende Beeinflussung bedeutender Feuchtigkeitsgrade in
gleichem (retardirendem) Sinne läfst unmittelbar auch das überall positive Vor
zeichen des zweiten, des Zeitgliedes, schliefsen. Die Voruntersuchung hatte
— wie oben bereits erwähnt — ergeben, dafs bei sämmtliehen Instrumenten
eine Neigung zum Avaneiren vorhanden sei; während der Hauptpriifong tritt
an Stolle dessen ein deutlich ausgesprochenes Retardiren ein.
Was endlich das vierte, das quadratische Feuchtigkeitsglied betrifft, so
beantworten uns die oben entwickelten Gangformeln nicht ohne Weiteres die
Frage, ob der Sinn, in welchem dieses Glied wirkt, irgend welcher Gesetz-
mäfsigkeit unterliegt. Es sind die Werthe, welche durch das vierte Glied zur
Herabminderung der Summen der Fehlerquadrate beigetragen werden, in den
meisten Fällen relativ so gering, dafs man fast geneigt sein könnte, dieselben
für einfache Rechnungsresultate ohne eigentliche reelle Bedeutung zu halten.
Zu der gleichen Vermuthung führt die Betrachtung der Tabelle der Unbekannten
und deren mittlerer Fehler. Es zeigt sich hier, dafs sämmtliche Werthe der
t-Kolumne weniger gut verbürgt sind, als diejenigen aller übrigen Unbekannten:
Es erreichen die initiieren Fehler, relativ zur Gröfse der KoefQeienten, sehr
bedeutende Werthe und übersteigen in einzelnen Fällen selbst den numerischen
Betrag des Koöffieionten.
Nichtsdestoweniger ist das folgende Zusammentreffen zweier Thatsachen
zu überraschend, um unerwähnt bleiben zu können. — Es hatte die am Schlüsse
der Prüfung durch zugezogenc Sachverständige ausgeführte Untersuchung der
Chronometer ergehen, dafs die Instrumente No. 2, 5 und 6 sieh in einem durch
aus schlechten Zustande befanden. Bei No. 2, Eppner 149, zeigte sich, dafs
die Spirale mit deutlich erkennbaren Flecken belegt war, welche wahrscheinlich
durch Zersetzung des zum Ueberzug benutzten Lackes entstanden sein mochten.
Ob die darunterliegendon Metalltheile bereits durch Oxydation angegriffen seien,
konnte zwar augenblicklich nicht mit voller Sicherheit erkannt, wohl aber als
sehr wahrscheinlich vorausgesetzt werden. — Bei No. 5, Tiede 280, wurde
konstatirt, dafs sich die feineren inneren Theile in einem vollständig schmutzigen
Zustande befanden, und dafs — wie deutliche Spuren am Federhause erkennen
liefsen ■— das Instrument bei der letzten Reinigung von feuchten Händen
zusammengesetzt worden sei. Während der nachträglichen Beobachtung in
Abtheilung IV unter gewöhnlichen atmosphärischen Verhältnissen blieb das
Instrument ohne äufsere Veranlassung plötzlich stehen, und eine weitere Unter-
auchung bewies, dafs dieser Vorfall durch einen sehr bedeutenden, der fort
schreitenden Verunreinigung zuzuschreibenden Verschleifs der Goldfeder herbei
geführt worden sei. — Endlich wurden bei dom Chronometer No. 6 am dritten
Gange der Spirale erhebliche Rostbildungen bemerkt, welche nach Urtheil der
Sachverständigen neuerdings, vielleicht im Anschliffs an einen älteren Fleck,
1) Dieses Chronometer blieb einige Monate später (1889, Nov. 11) ohne äufsere Veranlassung
plötzlich stehen, und eine vom Fabrikanten ausgeführte Untersuchung ergab, dafs ein Zapfen sieh
festgelaufen hatte infolge des gänzlich verdorbenen Oels in einem an der Zißerblattseite gelegenen
Steinloohe. Dieser Vorfall giebt eine genügende Erklärung für das anomale Verhalten des Chrono
meters während der Zeit der obigen Untersuchungen, indem hierdurch konstatirt wird, dafs auch
schon damals vollständig abnorme Reibnngsverhältmss.e im Innern des Instrumentes geherrscht haben
müssen, and dafs deshalb den in diesem. Falle gewonnenen Resultate» keinerlei Anspruch auf
Allgemeingültigkeit zusteht.