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Säkulare Variation der magnetischen Deklination in Rio de Janeiro.
Ueber die säkulare Variation der magnetischen Deklination
in Rio de Janeiro.
Von Dr. 6, D. E. Weyer, Professor an der Universität in Kiel.
Von einem langjährigen Mitarbeiter an der geodätischen Aufnahme der
Vereinigten Staaten von Nordamerika, Herrn C. A. Schott, welcher sich auch
um die Berechnung der Säkulär- Variationen der magnetischen Deklination vieler
Derter sehr verdient gemacht hat, wurde über Rio de Janeiro bemerkt, dafs an
diesem Orte vielleicht die schnellsten säkularen Deklinationsänderungen innerhalb
der Tropen und in der Nähe des magnetischen Aequators stattfänden. !‘) Dies
bestätigend wird ferner, nach meinen bisherigen Rechnungen über magnetische
Beobachtungen, Rio de Janeiro zu denjenigen Oertern gehören, wo in der
Nähe des atlantischen Minimums der Intensität sich die gröfsten säkularen
Schwingungen des magnetischen Meridians zu vollziehen und dabei die längsten
Perioden zu umfassen scheinen. Kine Mittheilung neuer oder bisher nicht all-
gemein bekannter Beobachtungen von dort mufste daher sehr erwünscht sein,
Herr Cruls, Direktor der Sternwarte in Rio de Janeiro, hat aus Beob-
achtungen, welche daselbst in den Jahren 1781 bis 1785 angestellt waren, einen
Normalort der magnetischen Deklination für 1783,5 mitgetheilt und verweist
über das Einzelne auf die Memoiren der Akademie der Wissenschaften in
Lissabon; ferner aus dem Jahre 1885 eine neue Deklinationsbeobachtung von
Herrn Indio do Brazil im Hydrographischen Amte zu Rio. Zugleich hat
Herr Cruls eine Untersuchung über die säkulare Variation der magnetischen
Deklination in Rio de Janeiro ausgeführt, welche durch Herrn Faye der Pariser
Akademie der Wissenschaften vorgelegt wurde.?) Die Resultate daraus sind
wie folgt angegeben, mit dem Vorbehalte, dafs spätere Beobachtungen dieselben
theilweise werden ändern können, sie aber bei dem gegenwärtigen Zustande
anserer Kenntnisse über die Frage doch als autorisirt anzusehen seien:
1. Die säkulare Variation der magnetischen Deklination in Rio de Janeiro
umfafst eine Periode von ungefähr 450 Jahren,
2. Der Werth, welcher dem Maximum der östlichen Elongation ent-
spricht, ist 7° und hat um das Jahr 1761 stattgefunden. ;
3.. Der dem Maximum der westlichen Elongation entsprechende Werth
ist 15° und wird zunächst im Jahre 1986 eintreten.
4. Die Magnetnadel ist durch ihre mittlere Position von 3,8° West
gegangen um das Jahr 1874; zu der Zeit hat auch die schnellste jährliche
Veränderung von ungefähr 10‘ stattgefunden, welche seitdem wieder im Ab-
nehmen ist. -
5. Endlich war im Jahre 1850 die Deklination nahe Null oder ungefähr
0,30° West.
Die von Herrn Cruls bestimmte Formel zur Berechnung der Deklination
(D) in Rio de Janeiro für ein beliebiges Jahr lautet:
D = +3,81° + 10,85° sin (0,8m — 18,90°),
wobei als Epoche das Jahr 1850 gewählt ist und mit m die seitdem verflossenen
Jahre bezeichnet werden. Als positiv gelten dabei die westlichen Deklinationen
und als negativ die östlichen. Der Bruch 0,8 ist der Quotient der Division
von 360° durch die Periode von 450 Jahren.
1) On the secular variation of the magnetic declination in the United States and some
foreign stations. By Charles A. Schott, Assistent Coast and Geodetic Survey. 5. Edit. 1882 pag. 254.
Appendix No. 12 to Report for 1882 of J. E. Hilgard, Superintendent.
2) Sur la variation seculaire de la declinaison magn6tique a Rio de Janeiro. Note de
M. Cruls, adressee par S. M. l’Empereur du Bresil et presentee par M. Faye. Comptes rendus
hebd. des seances de l’Academie des sciences. Paris 1835 I pag. 1578—1581.