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Vierteljahrs-Wetter-Rundschau der Deutschen Seewarte,
Kanal durchsegelt hatten. Die Reisen nahmen bei mäfsigen Westwinden, die
Anfangs infolge schwacher, westlich von Schottland gelegener Depressionen
meist nördliche, später bei weiter westwärts erscheinenden Depressionen häußger
südliche Richtung hatten, nur einen langsamen Verlauf. Am 10., 11. und 12. Sep-
tember erschien inmitten des Oceans ein ziemlich tiefes, äufserst stürmische
Winde hervorrufendes Theilminimum, das eine Ausbuchtung einer grofsen, von
Westen hergekommenen, in höherer Breite vorüberziehenden Depression gewesen
zu sein scheint. (Siehe Karte II.) „Johanne Marie“ und „Victoria“, die zur
Zeit am weitesten nördlich und östlich stehenden Schiffe, wurden durch die von
ihr hervorgerufenen Winde begünstigt und waren daher im Stande, sich den
anderen weiter westwärts befindlichen Schiffen der Gruppe bedeutend zu nähern.
Während des Sturmes scheint man den niedrigsten Luftdruck an Bord des um
3 Uhr Nachmittags des 11. September in 45° N-Br und 38,5° W-Lg befind-
lichen „ Wilhelm“ mit 732,8 mm abgelesen zu haben. Die gröfste Stärke 11 des
aus S wehenden Windes wurde an Bord der am 10. September bei 52,5° N-Br
und 28,5° W-Lg stehenden „Victoria“ beobachtet. Nach dieser Zeit wurden
lie Reisen der Schiffe häufiger von Stürmen beunruhigt, Sie geriethen, wie
Karte II zeigt, in den Bereich von zwei sich nach NO bewegenden Depressionen,
deren erstes Auftreten sich südlich von 30° N-Br her verfolgen Tasst. Der
erste, am 15. September beobachtete Sturm traf nicht alle Schiffe, So blieb
„Johanne Marie“, am Morgen dieses Tages in 48° N-Br und 32° W-Lg stehend,
fast ganz davon verschont oder fand die stürmischen Winde erst am 16. Sep-
tember. Ebenso merkt die gleichzeitig in 42° N-Br und 50° W-Lg befind-
liche „Savannah“, wie der „Johann Kepler“ in 43,5° N-Br und 46,5° W-Lg,
keine Spur davon. Dagegen wehte gleichzeitig bei „Victoria“ in 49° N-Br
and 35° W-Lg der Wind aus SSW in Stärke 9 und bei dem sich in 43° N-Br
and 44° W-Lg befindenden „Wilhelm“ aus NNE 8, Bei diesem letzteren Schiffe
hatte eine Wache vorher der NE-Sturm die Stärke 10 erreicht und war der
Luftdruck bis auf 742,8 mm gesunken gewesen. Heftiger als die durch diese
Depression verursachten Winde waren die derjenigen, deren Centrum laut
Karte II am 19. September in etwa 45° N-Br und 47° W-Lg lag. Entsprechend
den anscheinend sehr steilen Gradienten dieser sich mit grofser Schnelligkeit
nach nordöstlicher Richtung hin bewegenden, von Gewitter und St. Elmsfeuer
begleiteten Depression traten die Winde bei einigen Schiffen in orkanartiger
Stärke auf. Bei „Johann Kepler“, in 43,5° N-Br und 54° W-Lg, wehte der
Wind für kurze Zeit aus ENE in Stärke 11 und veränderte sich der Luftdruck
in sechs Stunden um 24mm. Die gröfste Stärke erreichte dieser, in seinem
plötzlichen Auftreten wie seiner raschen Abnahme einem tropischen Orkane
ähnliche Sturm bei der am Morgen des 19, September sich in etwa 44,5° N-Br
and 50° W-Lg befindlichen „/da“. Kapt. Schneider beschreibt den Verlauf
dieses sein Schiff in die gröfste Gefahr bringenden Orkans in seinem Journale
mit folgenden Worten: „Gegen 2% Uhr Morgens begann plötzlich ein voller
Orkan aus Süd. Hielten platt vor dem Winde und versuchten vergebens die
Segel zu bergen. Unter- und Obermarssegel nebst Fock zerrissen, Das Schiff
arbeitete in der sich plötzlich erhebenden See grauenhaft und nahm viele Sturz-
seen über, die Manches auf Deck zerstörten. Als um 6 Uhr Morgens der
Wind ausschofs nach West, brach die Ruderpinne, und gelang es nur mit grofser
Mühe, das Ruder zu sichern. Nachmittags lief der Wind bei rasch steigendem
Luftdruck nach NNE und wurde ganz schwach.“ Nach diesem Sturme wurden
die Reisen der Schiffe durch stürmische Winde kaum mehr beunruhigt, so dafs
der noch übrige Theil der Reisen bei mälfsigen, meist westlichen Winden
vollendet werden konnte,
Die zweite Gruppe von Schiffen, aus „Amelia“, „Godeffroy“, „Cleopatra“,
„Niagara“, „Columbus*, „Friedrich“ und „J. W. Wendt“ bestehend, verliels
Europa im September. Von diesen umsegelte „Columbus“ die Nordspitze
Schottlands, „Amelia“ und „J. W. Wendt“ kamen von im Mittelmeere gelegenen
Häfen, und „Godeffroy“ und „Friedrich“ waren nach den südlich gelegenen
Plätzen Wilmington und New-Orleans bestimmt. Die Reisen wurden, zum Theil
bedingt durch die verschiedene Lage des Abgangs- oder Bestimmungshafens,
auf ganz verschiedenen Routen ausgeführt. „Amelia“, „Godeffroy“ und „Fried:
rich* suchten das Passatgebiet auf; der „J. W. Wendt“, welcher nach 29tägiger