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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 16 (1888)

Nordstürme an der deutschen Ostseeküste. 
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und südwestliche Winde zur Folge, welche das Wasser den nordöstlichen 
Theilen dieses Meeres zutrieb. Mit dem Einsetzen nördlicher und nordöstlicher 
Winde trat naturgemäfßs ein Zurückfluthen dieser angestauten Wassermassen 
nach Süden zu ein, welche Bewegung durch die grofse Stärke dieser Winde zu 
einer besonders intensiven gesteigert wurde; so dafs die Gefahr einer Sturm- 
fluth sehr nahe Jag und auch an der pommerschen Küste stellenweise Ueber- 
fluthungen stattfanden. 
Besonders in dem östlich von der Odermündung gelegenen Theile 
Pommerns fing das Wasser bereits eine längere Zeit vor dem Eintritt des 
Sturmes an zu steigen und die See stark zu wachsen. 
Es liegen unter Anderem folgende Mittheilungen der Signalstellen hier- 
über vom 25. Oktober vor; aus Swinemüde: Morgens 2 Uhr sprang der Wind 
auf NNW mit einer gewaltigen Kraft und nahm noch an Stärke zu bis 7'% Uhr 
mit anhaltendem Regen und Graupeln, mehr Eisnadeln ähnlich, zeitweise sehr 
heftige Böen. Das Wasser der Swine trat über die Bollwerke nach den 
Strafsen der Stadt hinein. Die Molen waren meistens unter Wasser und die 
See sehr hoch, der Gischt sprengte über die Leuchtbake und hoch an der 
Windbake auf. Der Lootsendampfer „Delphin“ konnte nur mit voller Maschinen- 
kraft, ein Boot im Schlepptau, langsam bis zur Winkbake kommen, solch 
rasender Einstrom; — aus Colbergermünde: Morgens 4 Uhr still, rasch zu- 
nehmender Seegang aus N, 6 Uhr E1, das Wasser stieg sehr schnell, 8 Uhr 
NE2, Wasserstand 0,97 m über Mittelwasser, um 9 Uhr 10 Minuten brach der 
Sturm aus N mit Regen und Schnee, Seegang zur Zeit bis VIII gestiegen, 
11 Uhr höchster Wasserstand 1,51 m über Mittelwasser; -— aus Rügenwalder- 
münde: Morgens 6 Uhr Windstille, dabei aber das Wasser 0,86 m über Mittel, 
die See so stark zunehmend und über die Molen brechend, wie es im Sturm 
oft nicht der Fall gewesen, wobei Windstille blieb bis 11%4 Uhr Mittags; worauf 
der Wind von Nord aus orkanartig durchkam und das Wasser noch höher 
brachte. Von 10 Uhr an lief der Strom manchmal gegen ca 3 Kn Fahrt ein 
bis Mittag, wodurch hier die Wiesen überfluthet wurden, die Anlage voll Wasser 
stand, und in der Wipper nur Seewasser war u. 8. W.; — aus Stolpmünde: 
Der Sturm brach hier erst kurz nach 12 Uhr Mittags los. Bis dahin war es von früh 
Morgens an fast vollständige Windstille, die See aber war schon im Laufe des 
Vormittags so erregt wie bei dem stärksten Sturm. An den Dünen hat der 
Sturm in Verbindung mit dem selten hohen Wasser bedeutenden Schaden 
angerichtet, 
Auch diese Depression brachte über Deutschland ergiebige Niederschläge 
mit sich und zwar in der Form von Schnee, eine für diese Jahreszeit noch sehr 
ungewöhnliche Erscheinung, und indem schliefslich die nördlichen Winde Luft 
aus höheren Breiten und kälteren Gegenden zuführen, tritt im Rücken des 
Minimums auch eine, wenn auch nicht sehr erhebliche Abkühlung ein. Das 
weitere stärkere Sinken der Temperatur unter den Gefrierpunkt am 26. stoht 
nicht mehr in Zusammenhang mit dem Sturmphänomen, worauf auch schon der 
Umstand hinweist, dafs das Frostgebiet sich fast nur auf das centraleuropäische 
Binnenland erstreckt. 
Wenn auch das im hohen Norden Europas vorbeiziehende tiefe Minimum 
am 25, entschwunden ist, so erhält sich doch die von Norden nach Süden ge- 
richtete Furche niedrigen Luftdruckes bis zum 25. Abends und verschiebt sich 
mit gleicher Geschwindigkeit, wie das die deutsche Ostseeküste entlang ziehende 
Minimum ostwärts. In ihrem südlicheren Theil nimmt jedoch diese Zone an 
Breite allmählich ab. Ueber West-Europa steigt am 24. das Barometer noch 
ferner und hat am Morgen des 25. über West-Irland einen Stand von 780 mm 
erreicht. Dieses Maximum nimmt in der Folge wieder etwas an Tiefe ab und 
gleichzeitig eine südöstliche Bewegung an. Am Morgen des 26. liegt der höchste 
Luftdruck über Frankreich, und in ganz Deutschland ‘mit alleiniger Ausnahme 
der Provinzen Preufsen ist der Barometerstand höher als 770 mm. Das heitere 
Wetter, welches infolge dessen über dem deutschen Binnenland eintritt, ruft 
nun durch nächtliche Ausstrahlung jene bemerkte Abkühlung unter den Gefrier- 
punkt hervor, Die nördlicheren Theile Europas erfahren im Gegentheil durch 
die eintretenden südwestlichen und westlichen Winde wieder Erwärmung.
	        
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