Nordstürme an der deutschen Ostseeküste.
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Arittes Minimum südwestlich bis südlich von dem Centrum des die Stürme in
Begleitung habenden Phänomens, so dafs dieses die Mitte einer Furche
niedrigen Luftdruckes bildet. Indem nun das Minimum des Luftdruckes in sehr
grofser Nähe die deutsche Ostseeküste passirt, Sotzt der Wind plötzlich aus
südwestlicher Richtung in nördliche und nordöstliche um. Mit dem Umspringen
des Windes bricht meist ebenso plötzlich der Sturm los, während vorher viel-
fach fast Windstille herrschte. Naturgemäfs tritt dem Fortschreiten der. De-
pression entsprechend nach Osten zu der Sturm um 80 später ein, je östlicher
die Küstenorte gelegen sind, und diese Thatsache, sowie das Plötzliche
geines Erscheinens sind für diese zweite Klasse der Nordoststürme charakteristisch,
im Gegensatz zu der an der ganzen Küste gleichzeitigeren allmählicheren Zu-
nahme der Windstärke bei der zuerst besprochenen Klasse jener Phänomene.
Die zweite Klasse dieser Erscheinungen ist noch weniger zahlreich als
die erste, es gehören derselben die an diesem Orte‘) besprochenen Stürme vom
21. und 22. Öktober und theilweise auch vom 27. bis 30, Oktober 1880, ebenso
wie die in der Ueberschrift genannten an.
Dabei zeigen bei eingehenderer Bearbeitung in den Einzelheiten, sowie
vor Allem in der Entwickelung der bezüglichen Minima, diese Stürme solche
Verschiedenheiten, daß die Schilderung der bereits in diesen Publikationen be-
handelten nicht in Bezug auf die letzteren übertragbar ist. Durch die überaus
gütige Bereitwilligkeit des Königl. preufsischen meteorologischen Instituts, des
Grofsherzoglich mecklenburgischen statistischen Bureaus, des Königl. dänischen
und des Königl. schwedischen meteorologischen Institutes, sowie des Herrn
Prof. Börnstein zu Berlin steht dem Verfasser über den Sturm vom 12. und
13. März v. J. aufser den in den verschiedenen Wetterberichten publicirten
Beobachtungen neben den Aufzeichnungen an den Normalbeobachtungsstationen
und Signalstellen der Scewarte noch ein reichhaltiges Material zur Verfügung
uud bietet somit die Gelegenheit, besonders auf die Kinzelheiten dieser Er-
scheinung einzugehen. Die Luftdruck- und Windverhältnisse im ‚südlichen Ost-
seegebiet, sowie der Seegang sind in den beigegebenen Tafeln für die vier
Beobachtungstermine vom Morgen des 12. bis Morgen des 13. dargestellt, und
zwar dor Luftdruck durch die Isobaren, die Winde durch mit demselben fliegende
Pfeile, deren Fiederung die Stärke in halber Beaufort-Skala angiebt, der See-
gang durch beigeschriebene römische Zahlen.
1. Der Sturm vom 12. und 13. März 1887.
Das Depressionsphänomen, welches diesen Sturm zur Folge hatte, ent-
wickelte sich aus sehr bescheidenen Anfängen, In den Tagen vom 8. bis
9. März war eine Depression im Norden Skandinaviens ostwärts nach dem
Weiflsen Meere zu vorübergezogen, während ein am 8. über der westlichen Ost-
see lagerndes Luftdruckmaximum gleichzeitig eine sehr schnelle Verschiebung
nach dem Schwarzen Meere zu erfahren hatte. Zur selben Zeit findet sich etwa
über der Mitte des Atlantischen Oceans ein sehr ausgedehntes Depressions-
gebiet, dagegen tritt vom 9. an ein zweites Gebiet hohen Luftdruckes über dem
Meere im Norden der britischen Inseln in Erscheinung, welches am 10. einen
eigenthümlich schmalen keilförmigen Ausläufer nach Süden zu vorschiebt. An
der Grenze dieser Gebiete hohen und niedrigen Luftdruckes bildet sich an-
scheinend an der Nordküste Irlands ein Minimum des Luftdruckes aus, welches
am 10. Abends und auch noch am 11. Morgens nur die Windverhältnisse auf
sehr kleinem Gebiete beeinflufst,. Sowohl während seiner Entwickelung als
auch während seiner östlichen Bewegung nach der Ostküste Schottlands finden
über dem nördlichen Irland und über Schottland schr, ergiebige Regen- und
Schneefälle statt. Im Laufe des 11. überschreitet nun diese räumlich sehr wenig
ausgedehnte Depression die Nordsee unter etwa 55° N-Br, an Tiefe stetig
zunehmend. Im Rücken derselben entwickelt sich am selben Tage ein anderes
ebenfalls an sich wenig bedeutendes Minimum, welches sehr langsam südwärts
nach dem Kanal zu fortschreitet, und es bildet sich so jene, oben bereits für
diese Klasse der Nordoststürme als charakteristisch bezeichnete Luftdruckver-
) „Ann, d, Hydr.“ 1880, pag. 609 u. ff. u. 1881 pag. 9 u. £.