206 Der Einflufs der Sonne und des Mondes auf den Erdmagnetismus ete.
zesse in den höheren Schichten der Atmosphäre hin. Die in diesen Schichten
stets schwimmenden feinen Eisnadeln können aber bei ihrem specifischen Gewichte
und der geringen Dichte der Luft in: jenen Höhen nur infolge des
alektrostatischen Druckes gegen die Luft sich schwebend erhalten;')
dies wird indirekt schon bewiesen durch die von Weyprecht beobachtete
Thatsache, dafs nach jedem intensiven Nordlicht im hohen Norden massenhaft
Bisnadeln herabfallen und den Boden dicht (oft mehrere Millimeter hoch) bedecken,
weil sie infolge des elektrischen Ausgleichungsprozesses sich
nicht mehr in der Höhe halten können. Ueberhaupt tritt nach jedem
gröfseren Nordlicht Fall von Schnee und Eisnadeln oder Wolkenbildung trotz
vorher klarem Himmel auf.
Es ist ferner, wie in dem früheren Artikel schon hervorgehoben wurde,
durch die Experimente von Muncke, Becquerel und Hankel bewiesen, dafs
durch Sonnenstrahlung im Eis (auch im Thon) Elektricität erregt
wird und dafs diese Elektrisirung einen hohen Grad erreichen kann, wie man
aus verschiedenen meteorologischen Vorgängen (z. B. starke Elektricitätsentwickelung
infolge von Schuneegestöber bei klarem Himmel)?) schliefsen mus,
Dann ist zu berücksichtigen, dafs sich die Elektricität stets ausschliefslich auf
der Oberfläche der Körper anhäuft und ausbreitet; da in der Atmosphäre sich
aber Elektrieität entwickelt, so mul es eine äufsere Grenzschicht geben, wo
die elektrische Dichte ein Maximum erreicht. Diese kugelförmige Grenzschicht
wird in grofser Höhe zu suchen sein; nach dieser werden die feinen elektrisirten
Eisnadeln infolge des stets von innen nach aufsen wirkenden elektrostatischen
Druckes getrieben und schwebend erhalten.
Es ist endlich neuerdings durch Hertz?) nachgewiesen worden, dafs Luft
durch Bestrahlung besser leitend wirkt, und E. Wiedemann hat diesen
Satz bestätigt.‘) Auch fand Hittorf, dafs eine nichtleuchtende Bunsenflamme
ein kaum bemerkbares Leitungsvermögen besitzt, sofort aber gut leitend wirkt,
sobald man einen Glasstab oder noch besser ein leuchtendes Salz in die
Flamme bringt. Alle bisher bekannten Thatsachen weisen also darauf hin, dafs
Leuchten und Leitungsvermögen eines Gases auf das Innigste mit einander
verknüpft sind. Gewöhnliche verdünnte Luft läßt einen Strom bis zu 40 Volt
nicht durch; sobald man jedoch die Luft durch eine Holtz’sche Maschine zum
Phosphoreseiren bringt, stellt sich sofort die Leitungsfähigkeit derselben ein.
Wir beobachten aber in unserer Atmosphäre sehr häufig Phosphorescenzzustände;
dies beweist zunächst, dafs die betreffenden Luftschichten stark elektrisirt
sind, und: dafls ferner dadurch ihr Leitungsvermögen wesentlich erhöht
ist, so dafs sich elektrische Ströme entwickeln können,
Wenden wir diese Sätze auf unsere Atmosphäre an. Wir haben gefunden,
dafs die Sonnenstrahlen im Eise Elektricität erregen und dafs sie die Leitungsfähigkeit
der Luft wesentlich erhöhen. Die höheren Schichten der Luft sind
aber stets reichlich mit Eisnadeln erfüllt, Sobald also die Sonne über den
Horizont eines Ortes sich erhebt und die ersten Strahlen durch die Atmosphäre
schiefsen, beginnt ein elektrischer Prozefs, der sich in dem Malse weiter fortpflanzt,
wie die Strahlen der stets höher steigenden Sonne von Kiskrystall zu
Eiskrystall springen.
Weyprecht hat bei Nordlichtern mehrfach beobachtet, dafs zu Zeiten
der elektrische Funken von Eisnadel zu Eisnadel springt, gleichsam als klettere
das Licht mit ungeheurer Geschwindigkeit an der Eisnadelbank hinauf, und der
Verfasser dieser Zeilen kann durch eigene Beobachtung des prachtvollen Nordlichts
vom 31. Januar 1881 diese Behauptung bestätigen, Auf diese Weise
antsteht nun eine elektrische Strömung, die sich im Laufe von 24 Stunden rund
am die Erde in den höheren Schichten der Atmosphäre fortpflanzt. Durch den
Wechsel von Tag und Nacht erleidet aber diese Strömung für jeden Ort eine
zweimalige Störung in der Weise, dafs mit Beginn des Tages die Elektrisirung
der Eisnadelschicht eine allmähliche Verstärkung, dann nach dem Durchgang
£
x
/
Luvini, Sept etudes, Turin 1884, pag. 164.
Luvini, Sept etudes, pag. 162.
Naturforscher XX, pag. 383.
Naturforscher XXI, pas. 35.