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Reisebericht der Deutschen Bark „Werner“
Schiffe zu versorgen. Frisches Fleisch, Kartoffeln, alle Arten Gemüse und
sonstiger Proviant und Schiffsausrüstungsgegenstände sind stets zu haben, aber
zu recht hohen Preisen; zum Beispiel kostet Fleisch 13 Pence das Pfund, Kar-
toffeln 16 sh. der Centner u. s. w. Fische sind ziemlich billig. Trotzdem die
Insel viel zu Ackerbau und Viehzucht geeignetes Land besitzt, wird doch nur
der nothdürftigste Bedarf an Gemüsen und etwas Getreide hier producirt; alles
Andere wird eingeführt, Mehl, Getreide, Butter und sonstige Provisionen haupt-
zächlich von Australien, Schlachtvieh von Kapstadt; ausgeführt wird sehr wenig.
Die meisten Nationen sind durch Konsuln vertreten; der Deutsche Konsul, von
der Firma Solomon, Moss, Gideon & Co., ist auf St. Helena zugleich der
einzige Agent, Schiffshändler, Importeur und Unternehmer von Bedeutung. Für
Geschäftsbesorgungen bezahlt man wie in Englischen Häfen 10 sb. 6 d., für
Geldvorschüsse gegen Sichtwechsel auf den Rheder 2'% %,. Miethboote sind
zahlreich vorhanden und haben einen festen Tarif; für jede Fahrt bei Tage
bezahlt man 1 sh. Von Abends 9'/% bis Morgens 5 Uhr sind die Thore der
Stadt geschlossen.
St. Helena ist in letzterer Zeit häufig als Orderplatz für Ostindienfahrer
gewählt worden. Als solcher ist die Insel insofern empfehlenswerth, als sie
nahe am Wege liegt und durch das Anlaufen bei vorhandener Order kein
Aufenthalt entsteht, auch keine Kosten verursacht werden; es ist jedoch ein
grofser Uebelstand, dafs die Insel keine telegraphische Verbindung hat und die
Postdampfer von England im Durchschnitt nur einmal monatlich, abwechselnd
in Zwischenräumen von drei und fünf Wochen, anlaufen, Aufserdem laufen die
Kap-Dampfer auf der Rückreise zweimal monatlich an. Mit Benutzung der
Dampfer kann man also nur von Madeira oder Kapstadt telegraphiren und mul[s
Jeshalb, im Falle keine Order vorgefunden wird, was nach einer verhältnifs-
mäßig raschen Reise wohl meistens der Fall sein wird, immer längere Zeit
warten. Wir waren glücklich genug, mit nur acht Tagen frei zu kommen. Ich
möchte empfehlen, in derartigen Chartepartien für den Schiffer die Freiheit zu
vedingen, aufser St. Helena auch Kapstadt oder Simonstown als Orderplatz
wählen zu dürfen; dort hat man ebenfalls keine Kosten, aber telegraphische
Verbindung, und kann Proviant, Schiffsartikel, Reparaturen und Ersatz der
Mannschaft viel billiger und in unbeschränktem Mafse beschaffen. Als Havarie-
platz ist St, Helena schon wegen des fehlenden Tclegraphen und der mangel-
haften Postrerbindung nicht zu empfehlen. Es können allerdings Ladungen
gelöscht und gelagert, auch Reparaturen über Wasser ausgeführt werden, doch
können Schiffe weder docken noch kielholen, noch sind Rundhölzer oder größere
Artikel zu haben. Bei gröfseren Havarien wird, wenn eine Versegelung nicht
möglich ist, also immer eine Kondemnation die Folge sein und, da keine Kon-
kurrenz vorhanden ist, das Schiff sowohl als die Ladung zu Spottpreisen ver-
schleudert werüien müssen. Die Englische Regierung hält hier ein Kohlenlager
für ihre Kriegsschiffe; sonst sind wohl selten Kohlen für Dampfer vorhanden.
St. Helena ist noch nicht im Weltpostverein. Briefe nach Deutschland kosten
(!/a Pence.
In den letzten Jahrzehnten hat die Insel an Wichtigkeit für die Schiffahrt
bedeutend verloren. Während früher die Kriegsflotten, Südsee-Walfischfahrer
und fast sämmtliche rückkehrenden Ostindienfahrer hier anliefen, so dafs oft
die Rhede mit Schiffen bedeckt war, sicht man jetzt kaum ein halbes Dutzend
gleichzeitig anwesende, Daran sind theils dio veränderten Schiffahrtsverhältnisse,
die Verdrängung der Segelschiffe durch Dampfer, die rascheren Reisen, die
bessere Ausrüstung und die gedrückte Frachtenlage Schuld, die alle nicht ganz
anumgänglichen Ausgaben zu vermeiden nothwendig macht, zum Theil aber auch
wohl die Eröffnung und Verbesserung anderer Häfen, welche bequemere Lage
und bessere Verbindungen haben und billiger sind. Immerhin laufen auch jetzt
noch jährlich 500 bis 600 Schiffe St. Helena an.
Die ganze Kinwohnerzahl der Insel beläuft sich jetzt auf etwa 5000 Seelen,
von denen 1500 auf Jamestown kommen. Dieso Stadt liegt in dem engen Thal,
welches auf der Seeseite von Ladderhill und der Munden-Spitze eingeschlossen
wird, die beide mit Festungswerken besetzt sind. In dem geschütztesten Theile
der kleinen James-Bai ist eine Brücke angelegt, die mit einer bequemen Landungs-
treppe versehen ist und zwei Krähnen, die zum Laden und Löschen von Gütern