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Reisebericht der Deutschen Bark „Werner“.
den südlichsten von kaum 3m Höhe. Ein aufserhalb der Reihe liegender ge-
sunkener Felsen ist durch eine rothe Boje gekennzeichnet. Hinter der Felsen-
reihe ist der Landungsplatz; da die Felsen aber nicht zusammenhängen, sondern
durch tiefes Wasser getrennt sind, so gewähren sie dem Strande wenig Schutz.
Der beste Ankerplatz ist südwärts von dem: letzten Felsen, zwischen diesem
und dem Strande in 15 bis 18 m (8 bis 10 Fad.) Wasser. Man liegt dort !/4 Sın
vom Strande, ebenso weit vom südlichsten Felsen und 2 Sm vom Landungs-
platze. Die Peilungen sind: der Flaggenmast NNW1/AW, Kadiapatam-Leucht-
thurm SOzO 4 Sm entfernt. Aufserhalb der Felsenreihe, , also westwärts vom
Flaggenmaste, sollte man. nicht ankern, da das Wasser hier tiefer und die
Dünung stärker ist und die Landungsboote nicht hierher kommen. Den Ballast
darf man auf dem Ankerplatze über Bord werfen; um jedoch sicher zu gehen,
kann man zunächst etwas südlicher, in 18 bis 22m (10 bis 12 Fad.), ankern
und später das Schiff näher heran bringen, was mit der Seebriese leicht zu
bewerkstelligen ist.
Colachel ist ein Freihafen, das heifst, Schiffe haben keinerlei Abgaben,
aufser den unvermeidlichen Vojen, doch sind viele Artikel mit hohen Kin- und
Ausfuhrzöllen belegt, Arbeits- und Stauerlohn ist höher wie in anderen Häfen
der Küste, weil die Arbeiter von Tuticorin kommen müssen. Die Einwohner
von Colachel treiben nur Fischfang und fristen dabei ein kümmerliches Dasein;
eie verstehen keine Schiffsarbeiten und kümmern sich nicht darum, haben keine
Bedürfnisse und scheinen den Werth des Geldes nicht zu kennen, meisterhaft
verstehen sie aber zu betteln, nicht nur in den niederen, sondern auch in den
höheren Kreisen. Frisches Wasser ist erhältlich, aber theuer und schlecht;
man mufs die Schiffsfässer an das Land schicken, und dort werden dieselben
aus einem schmutzigen stehenden Gewässer, welches durch die im Südwest-
monsun fallenden ungeheuren Regenmassen gebildet wird, gefüllt. Man bezahlt
25 Rupees für 1000 Galloneu, frei an Bord. An Proviant ist aufser etwas
Fleisch von recht zweifelhafter Güte, Fischen und Früchten nichts zu bekommen;
andere Artikel mufs man im Falle von Bedarf von Tuticorin kommen lassen.
An die Möglichkeit, sonstige Ausrüstungsgegenstände zu beschaffen oder Repara-
turen ausführen zu lassen, ist natürlich gar nicht zu denken.
Die Rhede von Colachel ist natürlich nur während der besten Monate
des Nordostmonsuns, von Ende November bis Mai etwa, brauchbar. Man liegt
dann ganz sicher, immerhin aber unbequem, da bei der beständigen Südwest-
dünung das Schiff gar nicht aus dem Rollen herauskommt. Der Ankergrund
ist gut. Wir haben drei Wochen in 15m (8 Fad.) Wasser vor einem Anker
und 35 Fad. Kette gelegen, ohne zu treiben, und haben klar Anker behalten.
Die Strömung war während unserer Anwesenheit — im Februar und März
1886 — sehr gering und unregelmäfsig. Die Seebriese aus Süd bis West wehte
frisch von 11 Uhr Morgens bis Sonnenuntergang; Nachts herrschte meistens
flaue Landbriese oder Windstille. Das Landen ist selbst im Nordostmonsun
immer schwierig, oft gefährlich und nicht selten ganz unmöglich, Es kann nur
mit flachen leichten Kanoes bowerkstelligt werden, mit denen man durch die
Brandung so hoch als möglich auf den Strand fährt, was nicht immer ohne
Gefahr ist, da die Eingeborenen, so geschickt sie im Allgemeinen auch in der
Handhabung sind, doch oft durch Nachlässigkeit oder Bosheit die Kanoes in
der Brandung kentern lassen, Das mag für diese Menschen allerdings nur ein
Spafs sein, für des Schwimmens unkundige Europäer ist es aber durchaus nicht
angenehm.
Die Fischer bedienen sich nur sogenannter Cattamarans, das sind Flösse
aus drei oder vier neben einander befestigten Stämmen einer sehr leichten
Holzart, die aus Ceylon importirt wird. Auf diesen schmalen Flössen fahren
sie, nur mit einem durchgespaltenen Bambus als Ruder bewaffnet, meilenweit
ins Meer und durch die höchste Brandung, ohne zu kentern, Zu Hunderten
umschwärmen sie oft das Schiff. Die Geschicklichkeit im Tauchen und Schwimmen
und die Ausdauer und Enthaltsamkeit dieser Fischer ist erstaunlich. Ohne
Trinkwasser, ohne Nahrung, unbekleidet, ohne Bedeckung auf dem glattrasirten
Kopfe, schwimmen sie oft Tage lang auf dem Meere, wie die Amphibien halb
im Wasser, halb in der Luft lebend, stets den brennenden Sonnenstrahlen aus-
gesetzt, Die Eingeborenen sind fast alle katholische Christen und als solche