Veber Gewitter und Gewitterbeobachtungen.
4. Lichterscheinungen an einzelnen irdischen Gegenständen,
und zwar: a) nordlichtartige Erleuchtungen, bisweilen gleichzeitig
mit Gewittern. Die hier zu erwähnenden Erscheinungen dürften mit dem
künstlichen Nordlichte, wie es auf Bergspitzen im nördlichen Finnland neuer-
dings hervorgerufen wurde, wohl am meisten Aehnlichkeit besitzen. General
Sabine sah in einer Nacht die Wolkenkappe eines Berges auf der Schottischen
Insel Skye permanent leuchten. Mehrere Male gingen auch nordlichtartige
Strahlen daraus hervor.!). Am Abend des 7. Juli 1884 sah man während eines
Gewitters und später noch lange Zeit hindurch von Wernigerode aus den Brocken,
den Renneckenberg, die Hohneklippen und die Heinriehshöhe in weilfslichem
Lichte leuchten; gleichzeitig wurde auf dem Brocken selbst St. Elmsfeuer ge-
sehen.) Tippinge-in Sansaw bei Shrewsbury bemerkte am 6. August 1885
während ’eines heftigen Gewitters ein helles Leuchten, welches wiederholt am
antern Ende eines ausbiegenden Terrains auftrat, zur Spitze hinaufzog, sich
längs der Begrenzung, der Bäume und ganz nahe daran erstreckte, und so das
Ganze als ununterbrochene Linie in glänzender Beleuchtung zeigte.®) Auch auf
die Beobachtung leuchtender Firn- und Gletscherflächen möge hingewiesen werden.
Die Brüder Schlagintweit haben mehrmals Glühen der Schneefelder bemerkt,
and zwar bei ganz bedecktem Himmel.‘) Ebenso erzählt Breitenlohner, am
7. Oktober 1879 im Suldenthal an der Vertainspitze ein von dem gewöhnlichen
Alpenglühen durchaus verschiedenes Leuchten wahrgenommen zu haben. Das
Leuchten erinnerte an das des Meeres, war aber ruhiger und stetiger. In
diesem Falle war der Himmel heiter, die Zeit nach völliger Beendigung der
Abenddämmerung, aber lange vor Aufgang des Mondes.°) Es sind nicht blofs
die. Firnfelder der Alpen, welche diese Erscheinung, die zu Gewittern aller-
dings gar nicht mehr in Beziehung zu stehen scheint, zeigen, sondern auch
Schneeflächen in Ebenen. Das phosphorescirende Leuchten der Schneeflächen
wurde im Winter 1852 auf 53 dreimal von Wiedemann in Berlin beobachtet,
die Erscheinung schien dann einzutreten, wenn Nachts auf Thauwetter starke
Kälte eintrat, oder wenn am Tage die Sonne recht hell geschienen hatte. War
neuer Schnee gefallen, zeigte sie sich nicht.‘) Moseley glaubte zu bemerken,
dafs Eisberge, die er im südlichen Polarmeere sah, ein sehr schwaches Glüh-
licht besafsen, gleichsam als phosphorescirten sie ein wenig.‘) Wie weit die
zuletzt besprochenen Erscheinungen überhaupt hierher gehören, mufs noch an
weiteren Beobachtungen geprüft werden; um dazu anzuregen, wurden sie mit
aufgenommen.
4b. Das St. Elmsfeuer. Das ruhige, in Gestalt mehr oder weniger
lichtstarker Flämmehen sichtbar werdende Ausströmen ‘der Elektricität aus
Spitzen, welches wir uns gewöhnt haben als St. Elmsfeuer zu bezeichnen,*) ist
zwar schon seit dem Alterthum bekannt und oft beschrieben, aber doch in
seinem Wesen noch so wenig erforscht, dafs weitere Beobachtungen sehr
wünschenswerth sind. Das St. Elmsfeuer zeigt sich meist auf hohen Punkten,
Thürmen, Bäumen, Schiffsmasten, bisweilen aber auch in grofser Nähe der Erd-
oberfläche auf niedrigen Bäumen, auf Zäunen, Gesträuch u. dergl., ebenso auf
Menschen und Thieren (Kopfhaaren der Menschen, Ohren der Pferde etc.). Die
Zahl der vorhandenen Beschreibungen ist sehr grofs, die meisten versäumen
jedoch, über einen wichtigen Punkt Aufschlufs zu geben, nämlich über die Be-
schaffenheit der Oertlichkeit, wo sich das St. Elmsfener zeigte. Man würde
sonst entscheiden können, ob die Erscheinung in bestimmten Gegenden häufiger
vorkommt, als in anderen, Nach einigen Andeutungen scheinen sumpfige feuchte
Plätze, Wege, die zwischen Gräben hinziehen u. dergl., besonders geeignet zu
sein. Es mag auch bei dieser Erscheinung hin und wieder eine Verwechselung
\ Arago a. a. O., S. 78 f.
ı „Das Wetter“, Ba. 1, 1884, S. 225.
‘) „Oesterr. meteor. Zeitschrift“, Bd. 20, 1885, S. 420.
5) Schlagintweit’s „Neue Untersuchungen über die phys. Geogr. der Alpen“. Leipzig
1854, 85. 479 ff.
5) „Oesterr. Zeitschrift f, Meteor,“, Bd. 17, 1882, S. 323 ff,
% Schlagintweit a. a. O.
‘) Moseley, „Notes by 23 naturalist on the Challenger“. London 1879, S, 246.
5 Vgl. Piper in Poggend. Annalen, Bd. 82, 1851, S. 8317 ff,