Einwirkung eines Blitzschlages auf die Kompasse S. M. S. „Bismarck“.
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Einwirkung eines Blitzschlages auf die Kompasse
S, M. S. „Bismarck“,
Während der Reise des Kreuzergeschwaders von Kapstadt nach Sidney
schlug während einer heftigen Gewitterböe am 29. Mai d. J. 9* 50” a. m. ein
Blitz, begleitet von heftigem Donner, dicht bei der Backbordseite 8. M. Kreuzer-
fregatte „Bismarck“ in das Wasser. Unmittelbar darauf schlugen die Rosen
der beiden Steuerkompasse ungefähr drei Strich nach rechts aus und oscillirten
so beträchtlich und unregelmäfsig, dafs das Steuern nach denselben unmöglich
war. Eine später angestellte Azimutbeobachtung ergab, dafs sich die Deviation
des Regelkompasses für den Kurs 0zS von — '/4 auf -+ '/4 Strich geändert
hatte, während die Deviation des Steuerbord-Steuerkompasses, welche vorher
gleich der des Regelkompasses war, -+ 1% bis 2 Striche und die des Backbord-
Steuerkompasses — 2 bis — 3 Strich betrug. An Bord der anderen Schiffe des
Geschwaders wurde eine Aenderung der Deviation nicht bemerkt. Es wurde
nun, um zu konstatiren, ob sich etwa der Magnetismus der Kompafsrosen ge-
ändert habe, an Stelle der Steuerbordrose eine Reserverose in den Kompafs
eingesetzt. Diese verhielt sich jedoch ebenso wie die erstere, und konnte daher
eine Aenderung des Magnetismus der Rose nicht angenommen werden. Nach
längerem Beobachten der beiden Steuerkompasse stellte es sich schließlich
heraus, dafs die Abweichungen ihrer Rosen sich mit dem Drehen des Steuer-
rades änderten. Es wurde daher das Steuerreep, ein Drahttau, mittelst eines
Taschenkompasses geprüft und gefunden, dafs dasselbe magnetisch geworden
war und bis zu einer Entfernuug von 2 m den Kompafs beeinflufste.
Wegen des fortwährenden Schwankens und Gierens des Schiffes, sowie
wegen dessen Luvgierigkeit, infolge welcher das Ruder stets nach einer be-
stimmten Richtung gelegt werden mufste, konnte nichts Näheres über die durch
das Steuerreep verursachte Deviation der Steuerkompasse ermittelt werden.
Im Allgemeinen wurde bemerkt, dafs sich die Deviation des Backbord-
Steuerkompasses im Sinne der Drehungsrichtung des Rades änderte, während
bei dem Steuerbord-Steuerkompafs das Entgegengesetzte stattfand. Als am
Abend desselben Tages SzO gesteuert wurde, mithin die Nordenden der Rosen
nahezu in der Richtung nach dem Steuerreep zeigten, waren ihre Abweichungen
und Oseillationen geringer. Es wurde versucht, audere Steuerkompasse in
gröfserer Entfernung vom Steuerrad aufzustellen, aber die Wirkung des Steuer-
reeps machte sich auch in dieser Entfernung vom Steuerrad bemerkbar.
Am’ folgenden Tage, an welchem wegen der Richtung des Windes das
Ruder meistens Backbord gelegt werden mulste, wurden folgende Beobachtungen
gemacht:
Ruderstellung. Steuerbordkompafs. Backbordkompafs.
5° Backbord . ON Ost
von 5° auf 10° Backbord 0zS 0zS
„ 10° „ 12° "_-. 0'2N 0S0O
» 12° „ 10° ” 0zS 0zN
» 10° „ 15° u. 20° Backbord 0SO S0Oz0
Bei 8° Ruder nach Backbord lagen beide Kompasse Ost an.
Diese Beobachtungen können jedoch nicht als genau angesehen werden,
denn es entsprachen die oben angegebenen Abweichungen der Rosen nicht
immer denselben Ruderstellungen, sondern differirten zuweilen mit denselben
nicht unbeträchtlich.
Die Deviation des Regelkompasses war inzwischen auf dem anliegenden
Strich wieder dieselbe geworden, wie vor dem KEreignifs, betrug jedoch auf den
Strichen zwischen NO über Nord bis NNW + */4 Strich.
Nachdem am 31. Mai an Stelle des magnetisch gewordenen Steuerreeps
das Reep des Gefechtsruders eingeschoren worden war, hatte die Ruderstellung
keinen Einfluls mehr auf die Steuerkompasse und zeigten dieselben einen
Deviationsunterschied von %4 Strich mit dem Regelkompafs. Eine vorläufige
Untersuchung des magnetisch gewordenen Drahttiaues ergab, dafs sich dasselbe
wie ein aus vielen kleinen Magneten zusammengesetzter Körper (Magnet mit
Folgepunkten) verhielt.