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Ueber Erdmagnetismus.
lielfsen, was den innigen Zusammenhang aller dieser Erscheinungen beweist,
Auch die Beobachtungen der jüngsten Zeit führen zu demselben Schlufs. Aus
dem Vergleiche der Erdstromaufzeichnungen mit den erdmagnetischen Auf-
zeichnungen zu Wilhelmshaven geht hervor, dafs der von SE nach NW
3treichende Erdstrom als wesentliche Ursache der Schwankungen der Dekli-
nation und horizontalen Intensität zu betrachten ist,
Bei allen gröfseren magnetischen Störungen treten auch gleichzeitig
stärkere Erdströme in den Telegraphenleitungen auf, die zuweilen so stark
sind, dafs sie das Telegraphiren ganz unmöglich machen, weil diese Ströme
kräftiger sind, als die Batterieströme. Dies beweist eben den engen Zusammen-
hang zwischen Erdströmen und magnetischen Störungen. Man kann nun die
tägliche Osecillation der Magnetnadel als eine regelmäfsig jeden Tag eintretende
Störung betrachten, die von den durch die Sonnenstrahlen jeden Tag von
Neuem inducirten galvanischen Strömen hervorgerufen wird. Diese Ströme
scheinen besonders in zusammenhängenden Eismassen regelmäfsig inducirt zu
werden, wie aus den oben angeführten Beobachtungen von Sabine und
Dr. Giese zu schliefsen ist; auch hat Muncke besonders Eis und Thon als
durch Sonnenstrahlen leicht elektrisch erregbar hervorgehoben. Man mufs
ferner berücksichtigen, dafs die Erdströme je nach der verschiedenen Leitungs-
fähigkeit des Bodens sich nach allen möglichen Richtungen verzweigen können,
dafs also eine einzelne in bestimmter Richtung laufende Erdstromlinie von einer
anderen in Betreff der Stromintensität kleine Verschiedenheiten zeigen kann;
auch werden durch bestimmte Ursachen innerhalb der Erdkruste für kürzere
Zeit Stromumkehrungen und Unterbrechungen eintreten können, die natürlich
die Gesammtwirkung des Erdstromsystems modifieiren müssen. Da unsere
magnetischen Instrumente nur diese Gesammtwirkung anzeigen, so darf man
nicht erwarten, in allen Fällen eine vollständige Koincidenz zwischen den
Variationen einer beliebig gewählten Erdstromlinie und den Variationen der
Magnetnadeln eintreten zu sehen, Im Allgemeinen ist aber diese Koincidenz
vorhanden.
Die Stellung der Magnetnadel wird in jedem Momente durch die Resultante
nller auf sie wirkenden Kräfte bedingt, und wir können nur diese Gesammt-
wirkung registriren. Dadurch ist es aber unmöglich, diese Kräfte zu trennen
und den Einflufs einer jeden zu bestimmen. Hierin liegt die Schwierigkeit, eine
7ollständige Erklärung des Begriffs einer „Störung“ zu geben. Wir können von
einem typischen Gang der Nadel kaum reden, da dieser Gang abhängig ist von
einer ganzen Reihe stets wechselnder Einflüsse, die sowohl innerhalb als
aufserhalb der Erdrinde ihren Sitz haben. Infolge dessen läfst sich auch der
tägliche Gang, der sich sonst im Allgemeinen ziemlich scharf abhebt, nicht so
genau bestimmen, als dies sonst der Fall wäre.
Da nach dem Vorhergehenden so viele Ursachen vorhanden sind, die
eine Verstärkung oder Schwächung der tiefer und flacher gelegenen Erdströme
erzeugen, so wird es erklärlich, dafs eine frei aufgehängte Magnetnadel eigentlich
nie zur Ruhe kommen kann. Sowie eine über einem Solenoid frei aufgehängte
Nadel bei jeder Stromschwankung eine andere Stellung einnehmen mufs, so
mufs auch die Magnetnadel infolge der fortwährenden Stromschwankungen
innerhalb der Erdkruste sich stets anders einstellen, und wir können in Bezug
auf die magnetischen Erscheinungen die Erde sehr gut mit einem Solenoid ver-
gleichen.‘)
5) Es wurde im Vorhergehenden ausschliefslich der Erdströme als Ursache der erdmagne-
tischen Erscheinungen gedacht und von dem Einflusse der von aussen wirkenden Faktoren, wie
las Nordlicht, Sonne und Mond, abgesehen. Diese Art von Einflüssen bedarf einer besonderen
Betrachtung.