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Ueber Erdmagnetismus.
besteht diese bei Störungen in einer Verminderung der Intensität der Erd-
ströme nördlich von dem Orte der Nadel; denn ist das Nordende der Nadel
in westlicher Bewegung begriffen und sie setzt diese bei einer plötzlich ein-
tretenden Störung fort, so ist dies dieselbe Erscheinung wie die eines in
Bewegung befindlichen Körpers, auf den die bewegende Kraft zu wirken anuf-
gehört hat, derselbe setzt seine Bewegung fort, bis Reibungshindernisse ihn
zum Stillstand zwingen. Die Nadel verliert im Moment der Störung einen Theil
ihrer Richtkraft und setzt eine schon begonnene Bewegung einfach fort; wächst
im nächsten Moment die Stromstärke wieder, so mufs die Nadel infolge ver-
mehrter Richtkraft sich in den magnetischen Meridian einzustellen suchen, geht
aber, ähnlich wie ein Pendel, über diese Lage hinaus, schwingt also wie dieses
hin und her.
Es bleibt jetzt noch die Frage zu erörtern über die Ursache, welche die
tägliche Periode in dem Gange der magnetischen Instrumente bedingt.
Diese Ursache liegt zunächst in der Rotation der Erde um ihre Axe und
in der dadurch bedingten wechselnden Intensität der Bestrahlung und Erwärmung
derselben durch die Sonne. Baxendell!) hat es aufser Zweifel gestellt, dafs
die Variationen der mittleren Tagestemperatur im engsten, wenn auch nicht
direkten Zusammenhang mit denjenigen der horizontalen Intensität stehen. Dies
wird auch für die Deklination bewiesen durch die Beobachtungen Sabine’s,?)
Derselbe fand bei seinen Beobachtungen auf Spitzbergen die Abhängigkeit der
täglichen Variation der Deklination vom Stande der Sonne viel regel-
mäfsiger und bestimmter hervortretend als an anderen Orten. (Die
ganze Umgebung Spitzbergens bildet eine fast vollständig zusammenhängende
Kismasse). Für die Vertikalintensität liegt eine entsprechende Beobachtung vor,
die Dr. Giese auf der Station Kingua- Fjord machte. Er breitete auf dem
Fjordeise einen Draht in Form einer Schleife aus, die einen Flächeninhalt von
ca 8 qkm umfafste, Die in dieser Schleife auftretenden auf Induktionswirkungen
beruhenden Ströme stimmten mit den Variationen der Vertikalintensität voll-
ständig überein. Wie sehr überhaupt die Bestrahlung und Erwärmung durch
die Sonne auf den Erdmagnetismus wirkt, geht aus den Ablenkungen der
Magnetnadel bei Sonnenfinsternissen hervor.?) Bei der Finsternifs vom 2, Dezember
1870 waren nach Dr. Müller die Ablenkungen der Nadel folgende:
Station Gröfse der Finsternifs Abweichung der Nadel
Terranova 1,000 7‘ 49“
Neapel 0,949 6‘ 5“
Rom 0,928 4‘ 10“
Florenz 0,900 3‘ 45%
Bologna 0,99 34 39
Livorno 0,891 4‘ O0
Moncalieri 0,877 94 07
Bei der Finsternifs vom 12, Dezember 1871, die in Europa unsichtbar
war, beobachtete Donati in Florenz während der ganzen Dauer der Finsternifs
eine Ablenkung der Nadel von 3‘ 9“ über den Stand hinaus, den dieselbe vor
der Finsternifs hatte. Desgleichen ergab die Untersuchung der magnetischen
Beobachtungen von Greenwich das Resultat, dafs während der Dauer einer
sichtbaren oder unsichtbaren Sonnenfinsternifs eine Aenderung in dem magneti-
schen Zustande der Erde eintritt.
Schon E. Becquereil hat auf die Erzeugung und Modifikation der
elektrischen Ströme durch Bestrahlung und Erwärmung hingewiesen und durch
entsprechende Experimente bewiesen. Aber noch vor ihm hat Muncke*) diesen
Einflufs der Sonnenstrahlen hervorgehoben. Er sagt (pag. 430):
„Somit haben also nicht blofs die oben erwähnten Beobachtungen anderer
Physiker durch die hier mitgetheilten Versuche eine bestimmte Deutung erhalten,
1) Günther, Geophysik, Bd. II, pag. 32.
2) Sabine, An account of Experiments to determine the figure of the Earth, London 1825,
ag. .
a SOC Secchi, Die Sonne. Braunschweig 1872, pag. 670.
4) Poggendorff‘s Annalen, Bd. 20, pag. 4171—430.