Ueber Erdmagnetismus.
473
in Berührung stehen, vorhandenen elektrischen Ströme. Diese Annahme wird
gestützt durch die beiden oben angeführten Beobachtungen über das stark
negativ elektrisirte Wasser einer Thermalquelle in Baden und über. die
nach Prof. Ragona bei Erdbeben auftretenden, von der Erde nach der Atmo-
sphäre gerichteten kräftigen elektrischen Ströme. .
Berücksichtigt man also die oscillatorische Bewegung der Erdrinde, die
sich an jedem Tage infolge des attraktiven Einflusses von Sonne und Mond
wiederholt, die ‚dadurch hervorgebrachte Druckwelle mit ihren Pressungen,
Spannungen und langsamen Verschiebungen, die mit diesen verbundenen Be-
wegungen in den Wasser-, Dampf- und Gasströmen, sowie die sie begleitenden
thermoelektrischen und galvanischen Ströme, so werden die Beobachtungen über
Erdströme und ihr ursächlicher Zusammenhang mit anderen Erscheinungen, wie
Erdbeben und Vulkanausbrüchen, wohl erklärlich. Es ergiebt sich so ein recht
verwickeltes Bild von den elektrischen Strömen innerhalb der Erdrinde. Zu
unterst, überhaupt in gröfseren Tiefen, haben wir es mit thermoelektrischen
Strömen, weiter aufwärts mit galvanischen zu thun. Diese Ströme bewegen sich
im Allgemeinen von Ost nach West; dies gilt besonders für die tiefer gelegenen,
weniger für die ihnen superponirten galvanischen Reibungsströme, da diese
mehr von der zufälligen Richtung der in den mittleren und oberen Theilen der
Erdrinde cirkulirenden Wasseradern, Dampf- und Gasströme abhängig sind,
Die ersteren bestimmen‘ durch ihre überwiegende Kraft und konstantere Richtung
hauptsächlich die Stellung der Magnetnadel; die letzteren beeinflussen dieselbe
je nach ihrer wechselnden Richtung und Intensität mehr oder weniger und ver-
anlassen so die Störungen im täglichen Gange. Hierzu treten noch als drittes
Moment die überirdischen Einflüsse, die von Sonne und Mond und besonders
von den Polarlichtern theils direkt, theils indirekt ausgehen.
Nachdem 80 die wesentlichen Ursachen, welche den Erdströmen zu Grunde
liegen, hervorgehoben sind, erübrigt uns die Aufgabe, die zahlreichen Beob-
achtungen über Erdmagnetismus und die bis jetzt bekannten gesetzmäfigen
Veränderungen desselben in kausalen Zusammenhang mit diesen Strömen zu
bringen und zuzusehen, inwieweit die aus der Annahme dieser Erdströme ab-
zuleitenden Resultate mit den Beobachtungen stimmen.
Zunächst ist bekannt, dafs innerhalb der Erdrinde' in genügender Tiefe
von Ost nach West gerichtete elektrische Ströme die allgemeinsten Erscheinungen
des Erdmagnetismus zu erklären vermögen. Da sich die Elementarströme des
Magnets mit den elektrischen Elementarströmen der Erde parallel zu stellen
suchen, so mufßs die Längsaxe des Magnets sich senkrecht zu diesen Erdströmen
einstellen, also im Allgemeinen die Richtung Süd—Nord annehmen, wenn jene
Ströme ost-westliche Richtung haben, Dafs die Nadel mit Annäherung an die
erdmagnetischen Pole sich immer mehr senkrecht zur Erdoberfläche einzustellen
sucht, folgt ebenfalls aus den bekannten Gesetzen über die gegenseitige Ein-
wirkung elektrischer Ströme, .
. Nach den Forschungen von Prof, Süss bildet Nordamerika den ältesten
Kontinent. Naturgemäls werden wir daher bei seiner weiten Erstreckung nach
Norden auch dort ‚die früheste und stärkste Abkühlung zu suchen haben,
die sich allmählich in gröfsere Tiefen fortpflanzte. Damit war aber der Anstofs
zu einer langsamen Entwickelung thermoelektrischer Ströme gegeben; die, vom
Aequator in engen Spiralen bis zu jenem kältesten Gebiete fortschreitend, dort
einen Pol bildeten, ganz ähnlich wie dies bei einem Solenoid der Fall ist. In
ähnlicher Weise pflanzten sich die Ströme auch nach der südlichen Erdhälfte
fort, dort ebenfalls einen Pol bildend. Nun ist es ferner eine bekannte That-
sache, dafs die Linie ohne Abweichung oder die Nullisogone, d. h. die Linie,
auf welcher in jedem ihrer Punkte die Deklinationsnadel genau nach Norden
zeigt, hin und her wandert, bald nach Osten, bald nach Westen. Diese Linie
läuft, durch beide Magnetpole gehend, rund um die Erde. Sie theilt aber die
Eräkugel nicht in zwei gleiche Hälften, sondern folgt annähernd den Kontinental-
massen, dieselben in der Richtung Nord—Süd durchschneidend, Dies gilt be-
sonders für die westliche Halbkugel oder Amerika.” Dort hat‘ die Deklination
im Laufe der Zeit viel geringere Schwankungen erlitten, als auf der östlichen