Die Taifune der Chinesischen Meere.
Nach einer Zeichnung eines Wirbelsturmes mit dazu gehörenden Winden
läfst sich sehr leicht beurtheilen, wie ein Kapitän auf See handeln soll. Ganz
so leicht wie auf dem Papier liegt die Sache aber in Wirklichkeit doch nicht,
denn die Bahn eines Taifuns und die Drehung des Windes verläuft nicht so
glatt, als die Zeichnung es darstellt, und darum haben alle Regeln über Bei-
drehen oder Lenzen stets nur einen bedingten Werth, Denn beides hängt nicht
allein von den vorhandenen Umständen ab, sondern in vielen Fällen: auch von
der Vorstellung und Auffassung, welche der Schiffsführer vom Taifun sich ent-
worfen. hat. Betrachten wir von diesem Standpunkte die beiden Fragen, wann
er lenzen und wann er beidrehen soll.
Um diese beiden Fragen zu entscheiden, kommt für einen Schiffsführer,
stillschweigend vorausgesetzt, dafs er Seeraum hat, in Betracht: 1. die Gegend,
wo er sich befindet, also wahrscheinlicher Kurs, Fahrt und Gröfse, des Taifuns,
2, in welchem Viertel des Sturmfeldes sich das Schiff befindet, 3. das Verhalten
und der Stand des Barometers, 4, der herrschende Wind, 5. der allgemeine
Zustand des Wetters, 6. last not least eine freie Auffassung vom Taifun über-
haupt, d. h. man werfe die alte Acht-Strich-Regel über Bord, behandele ‘ den
Taifun als ein lebendiges Individuum und bedenke, dafs nicht allein ein Taifun
in verschiedenen Breiten verschiedene Form und Fahrt hat, sondern dafs auch
ein Taifun nicht dem anderen gleich ist, und nicht zwei Taifune unter genau
denselben Verhältnissen verlaufen.
In folgenden Fällen lag ein Schiff im Kurse eines Taifuns:
341
Ort
Zeit
Schiff
„Talee“
„Faugh Balaugh“
Ostchinesisches Meer
31. Juli 1879
27. Sept. 1880
14. Aug. 1886
24. Aug. 1885
4. Sept. 1885
16. Okt. 1885
Wind Taifankurs ‘ Peilung
NNE NNW 12 Strich
NNW. WNW 122
NWzW WW 13
NzE NNW 13 w #
3zN NNW 7 „Cleopatra“
ENE ENE 32 „Galissonniere“
Formosa-Kanal .
Liu-kiu-Inseln. ,
Japan . . .“
Offenbar läfst sich nach dieser Tabelle keine feste Regel geben.
Um nun aber doch zu entscheiden, ob das Schiff sich auf der Bahn eines
Taifuns befindet, sollte man nicht allein die Beständigkeit des Windes zu Rathe
ziehen, sondern auch den Gang des Barometers und die Monats-Karten der
Bahnen. Fällt das Barometer und darf man nach der Monats-Karte annehmen,
dafs man sich im Kurse des Taifuns befindet, so lenze man, aber nicht platt
vor dem Winde, sondern man halte den Wind von 2 bis 4 Strich von
Steuerbord ein.
Befindet sich das Schiff im rechten Vorderviertel, so fragt es sich, ob
das Mittelfeld noch ziemlich weit entfernt ist oder nicht, und ob es möglich
ist, bei dem wahrscheinlichen Kurs und Fortgang des Taifuns noch ins linke
Vorderviertel zu gelangen. Fällt das Barometer rasch, so ist das Mittelfeld
nicht weit entfernt, man drehe dann auf Steuerbord-Halsen bei; fällt es langsam
und sieht‘ das Wetter noch nicht so drohend aus, so versuche man ins linke
Vorderviertel zu kommen. Ist man dahin gelangt, so lenze man und halte den
Wind auch ferner von 2 bis 4 Strich an Steuerbord achter ein, vorausgesetzt,
dafs der Schiffskurs dem Taifunkurs entgegengesetzt ist; laufen aber beide
Kurse in derselben Richtung, so drehe man über Backbord-Halsen bei. oder
lenze, je nachdem man glaubt, ob das Schiff es stehen kann oder nicht,
Befindet sich ein Schiff in der hinteren Hälfte eines Taifuns, so kann es
mit Hülfe des Barometers immer Kurs steuern oder lenzen; steht das Barometer
oder steigt es, so lenze man ruhig weiter, fällt es, so drehe man bei, und zwar
mit dem Hals, womit:der Wind raumt, und ‚warte,
Betrachten wir die Winde in der vorderen Hälfte des Taifunfoldes, so
sieht man ihre Bahnen dicht zusammengedrängt, wobei ein Zurückgehen des
Windes. um mehrere Striche durchaus nicht zu den Seltenheiten gehört. Im
Allgemeinen kann man daher nur sagen, dafs man Winde innerhalb 10 Strichen
in jeder Hälfte des Feldes: erwarten kann.
Ann. d. Hydr. etc... 1887. Heft 1X.