Strom- und Eisverhältnisse etc. an den Küsten Islands.
Wandel’s Beobachtungen setzt der Fluthstrom immer stark gegen Stikskaar,
und es ist daher besonders bei unsichtigem Wetter bei dieser Spitze, von
welcher sich ein langes Steinriff erstreckt, große Vorsicht geboten. Im west-
lichen Theile der Brede-Bucht setzte der Ebbstrom nach Südosten. ;
Aufserhalb sämmtlicher West-Fjorde bis Straumnaes läuft die Fluth nach
Nordosten, die Ebbe nach Südwesten. Wie schon erwähnt, setzt der Fluth-
strom längs der Südseite in alle Fjorde, der Ebbstrom in entgegengesetzter
Richtung, was zu wissen besonders für Segelschiffe von grofser Wichtigkeit ist.
Die Fluth beginnt 2 bis 2% Stunden nach Hochwasser an den ent-
sprechenden Orten der Küste nach Norden zu setzen und läuft gewöhnlich etwas
Jänger als die Ebbe, welche auch an Stärke ihr nachsteht, Mit der Entfernung
von der Küste tritt eine Verspätung ein; nach Angabe von Fischern tritt in
14 bis 16 Sm Abstand die Fluth 3 Stunden später ein als am Lande. Wegen
des Unterschiedes zwischen Ebbe und Fluth ist es schwierig, längs der West-
küste nach Süden aufzukreuzen, Im Xsafiord Dyb hat man zu beachten, dafs
der Strom immer an der Südseite eintritt; ein Schiff, welches mit schwacher
Briese bis zum Skutils-Fjord will, mufs die Spitze Hwifdal dicht passiren, um
nicht durch den Strom bei dem Fjord vorbeigesetzt zu werden.
Der Hesteyre-Fjord an der Nordküste des Isafiord Dyb ist stets frei von
Eis, wahrscheinlich weil der Strom mit bedeutender Stärke an der Nordküste
austritt. ;
Wie schon gesagt, sind die Gezeitenströmungen an der Westküste sehr
unregelmäfsig, besonders auf den Ebbstrom ist der Stärke des Fluthstromes
wegen nicht zu zählen. Wenn längere Zeit Süd- und Südwest-Winde geherrscht
haben, kann es vorkommen, dafs der Ebbstrom ganz ausbleibt.
Bei frischen Nordwinden darf man sich nicht zu sehr den vorspringenden
Spitzen der Küste, wo die Fluth am stärksten läuft, nähern, besonders nicht
der Spitze Staalbjerg, wo eine kurze brandende See steht, welche den Schiffen
gefährlich ist und ungedeckten Booten sicheren Untergang bringen‘ würde.
Selbstverständlich kann auch der Ebbstrom mit frischen Südwinden hohe See
und Brandung erzeugen.
Wenn man bei frischen Nordwinden mit südlichem Kurse längs der Spitze
Staalbjerg gegen den Fluthstrom steuert, so hat man die gefährlichste Stelle
hinter sich, wenn die Südseite der Spitze, Naeb genannt, wie eine Treppe er-
scheint; wenn man mit dem Ebbstrom läuft, ist man erst aufser Gefahr, wenn
sich Stikskaar vom Lande abhebt.
Längs der Westküste, besonders in der Nähe der Spitze Staalbjerg,
erreicht der Fluthstrom bei Springzeit nicht selten ‚eine Stärke von 4 Kn,
während, wie schon erwähnt, der Ebbstrom gänzlich ausbleiben kann, ;
Bei den Spitzen Ritter, Straumnaes und Kögur sind häufig auch starke
Stromschnellen, die Booten und kleinen Fahrzeugen gefährlich werden.
Bei der Nordwest-Spitze von /sland dreht der längs der Westküste herauf-
kommende warme Strom nach Osten und läuft nun längs der Nordküste. In
gleicher Richtung geschieht auch das Fortschreiten der Fluthwellen, und man
Endet an den Westküsten der Fjorde gleichfalls eine bedeutend stärkere Fluth-
als Ebbströmung.
Die Robbenschläger geben an, dafs sie zur Springzeit nördlich der Insel
nur bei Ebbe fischen können. In alle Buchten der Nordküste tritt der Fluth-
strom an der Westseite ein und an der Ostseite aus, der Ebbstrom umgekehrt.
In der Skagestrand-Bucht wurde beobachtet, dafs der Ebbstrom an der Westküste
die Drangarne-Klippen, innerhalb welcher die Meeresströmung immer eintritt,
nicht überschreitet. Im Jahre 1878, drei Tage im Reikiar-Fjord durch Eis ab-
gesperrt, sah Wandel dasselbe fortwährend nach Süden treiben.
Im Skage-Fjord, sowie im Oe-Fjord sind die Verhältnisse ungefähr die-
selben; in letzterem ist die stets auslaufende Strömung am stärksten an der
Ostseite. Die Erklärung liegt in der bekannten Thatsache, dafs auf der nörd-
lichen Halbkugel der nach Norden setzende Strom stets nach Osten, der nach
Süden setzende nach Westen abgelenkt wird. Der Strom kentert hier ebenfalls
einige Stunden nach Hochwasser. Doch darf man sich auch hier ebensowenig
darauf verlassen, wie an der Westküste, da ebenfalls der Fluthstrom der be-
ständigere jest.