Die oberen Luftströmungen in der Nähe des Aequators.
Die oberen Luftströmungen in der Nähe des Aequators.
Bei seinen Studien und Beobachtungen über die oberen Luftströmungen
hat R. Abereromby einige den bisherigen Annahmen widersprechende Resultate
erhalten.‘) Es darf als Regel betrachtet werden, dafs die Richtungen der Luft-
strömungen sich von der Erdoberfläche nach der Höhe nicht plötzlich, sondern
allmählich ändern, und zwar derart, dafs, wenn man dem an der Erdoberfläche
herrschenden Winde den Rücken zudreht, die Winde mit der gröfser werdenden
Höhe auf der nördlichen Halbkugel immer mehr von der linken Seite, auf der
südlichen von der rechten Seite einkommen; dieselben drehen sich also in ihrer
vertikalen Aufeinanderfolge, von unten nach oben gerechnet, auf der Nord-
hemisphäre mit. der Sonne oder mit dem Zeiger der Uhr, auf der Südhemisphäre
gegen die Sonne. Hat man z. B. an einem Orte der nördlichen Halbkugel
Südwind, so. werden die Wolken, je höher sie stehen, desto mehr von Westen
kommen, auf der südlichen Halbkugel dagegen von Osten.
Abercromby hat nun während zweier Reisen durch den Atlantischen und
Indischen Ocean in der Region zwischen dem Aequator und dem Kalmengürtel
von dieser Regel Ausnahmen gefunden.
Im Atlantischen Ocean Hegt der Kalmengürtel zu allen Jahreszeiten nörd-
lich vom Aequator; zwischen 20° und 30° W-Lg schwankt seine Lage von
3° N-Br im Winter bis 11° N-Br im Sommer. Im Golf von Gwinea kann die
Lage des Kalmengürtels nicht genau angegeben werden, dieselbe fällt aber
gewöhnlich zwischen 5° und 10° N-Br. In der Richtung des Windes besteht
im östlichen und westlichen Theil des Atlantischen Oceans ein grofser Unter-
schied. Im Golf von Guinea geht der Südost-Passat auf Südwest und bildet
einen Südwest-Monsun, während westlich von ca 15° W-Lg der Südost-Passat
nördlich des Aequators fast dieselbe Richtung behält, wie südlich von demselben.
[m Indischen Ocean ist die Lage des Kalmengürtels in den verschiedenen
Jahreszeiten sehr verschieden. Von November bis März reicht er von 5° bis
10° S-Br, und der Nordost-Monsun geht, wenn er den Aequator passirt, in den
Nordwest-Monsun über. Von April bis September liegt der Kalmengürtel nörd-
lich vom Aequator. Der Südwest-Monsun des Indischen Oceans hängt jedoch
nach den neuesten Forschungen der Indischen Meteorologen, entgegen den
früheren Ansichten, nicht mit dem Südost-Passat zusammen. (Vergl. diese
Annalen 1887, S. 214.)
Aberecromby durchkreuzte die in Rede stehende Region des Atlantischen
Oceans zwischen dem Aequator und den Kalmen im Juli und im Dezember, das
erste Mal auf der Route von Rio Janeiro nach Teneriffa, das zweite Mal zwischen
Teneriffa und Kapstadt.
. Zwischen Rio und Teneriffa kamen die niederen und mittleren Wolken
über dem Südost-Passat. südlich des Aequators stets aus einer Richtung zur
rechten Hand, wenn man dem Winde an der Erdoberfläche den Rücken kehrte,
d. h, war letzterer Südost, so kamen die Wolken von Ostsüdost; es entsprach
dies also dem allgemeinen Gesetze über die Aenderung der Luftströmung in
vertikaler Richtung auf der südlichen Halbkugel.
Nördlich des Aequators jedoch, wo der Südost-Passat nicht, wie zu er-
warten, in einen Südwest-Wind überging, behielten die oberen Luftströmungen
ihre auf der Südhemisphäre ipnegehabte Richtung bei, anstatt dem Gesetz der
nördlichen Halbkugel zu folgen. Im Kalmengürtel, der sich von 8° bis 13° N-Br
ausdehnte, war es ebenso, die mittleren Wolkenschichten oberhalb des Südost-
Windes trieben in ost-westlicher Richtung. .
Im Nordost-Passat wurde nur eine wenig befriedigende Beobachtung in
22° N-Br und 19° W-Lg erlangt, wonach über einem Ostnordost-Winde an der
Erdoberfläche die mittlere Wolkenschicht von Nordnordost zog, also umgekehrt,
wie es nach der Regel erwartet werden mulfste.
Während der zweiten Reise zwischen Tenerifa und Kapstadt zogen die
niederen Wolken im Nordost-Passat, d. h. von 30° N-Br bis zu dem Kalmen-
gürtel auf 5° N-Br, unveränderlich aus einer Richtung links vom Oberflächen-
Wind, gewöhnlich von Süd oder SzW, entsprechend dem Gesetz auf dieser
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4) Veröffentlicht in „Nature“ 1887, No. 917.
Ann. d, Hydr. efc., 1857, Heft VI.