Ueber den Einflufs der Rotation der Sonne auf den Erdmagnetismus, 219
nehmen, bis der geringste Werth erreicht ist. Es ist dies die bekannte perio-
dische Aenderung der Amplituden, welche demselben Gesetze folgt, wie die
Aenderung im Sonnenfleckenstande, wie dies besonders durch die langjährigen
Arbeiten Wolf’s nachgewiesen worden ist. Die mittlere Dauer dieser Periode
beträgt nach Wolf 11!/s Jahre. _ Die schöne Uebereinstimmung‘ der Sonnen-
flecken-Kurve mit der Kurve der Deklinations-Variationen hat Wolf veranlalst,
eine einfache Formel aufzustellen, nach der man aus den von ihm berechneten
Sonnenflecken-Relativzahlen für jedes Jahr die Deklinations-Variation finden
kann. Diese Formel lautet:
y=a-+ß.R,
wobei « und 8 zwei Konstante, R die Relativzahl und y die entsprechende
Deklinations-Variation bedeuten. So Jäfst sich z. B. die Amplitude (Differenz
2b p. m.—8* a. m.) in Wien darstellen durch
y = 4,071‘ + 0,024 . R.')
Die Uebereinstimmung zwischen den nach dieser Formel berechneten und
den beobachteten Werthen ist wirklich eine grofse zu nennen, denn die mittlere
Abweichung beträgt + 0,23‘ und. würde sich vielleicht noch kleiner ergeben
haben, wenn die Beobachtungen in dem alten Lokale der Kaiserlich Königlichen
Centralanstalt für Meteorologie und Erdmagnetismus (bis 1872) unter günstigeren
Verhältnissen hätten angestellt werden können. Diese Uebereinstimmung zwi-
schen Beobachtung und Rechnung hat Wolf sogar zu dem Ausspruche verleitet:
dafs man einstweilen den mittleren Betrag der Variationen mit mehr Sicherheit
mittelst seiner Formeln von der Sonne herunterholen als auf der Erde direkt
bestimmen kann,
Es ezistirt sonach zwischen der Beschaffenheit der Sonnenoberfläche und
den täglichen Amplituden eine innige Beziehung, die wir aber heute noch nicht
genügend erklären können; eines scheint jedoch ziemlich sicher zu sein, dafs
nämlich die Sonnenflecken nicht die Ursache der verschiedenen Variationen
sind, sondern dafs beide Erscheinungen auf eine gemeinschaftliche Ursache
zurückgeführt werden müssen. \
_ Ueber die zuerst erkannte säkulare Aenderung, die einer Periode von
fast 500 Jaliren zu entsprechen scheint, wissen wir noch sehr wenig, da die
längsten Beobachtungsreihen einen Zeitraum von. nur 300 Jahren umfassen;
aber auch hier dürfte die Ursache in der Sonne zu suchen sein,
Der früher angeführte Zusammenhang zwischen den magnetischen Varig-
tionen und den Sonnenflecken war Veranlassung, dafs Hornstein nach einer
Beziehung zwischen der Rotation der Sonne und den erdmagnetischen Elementen
suchte.?) Die Gleichheit der Perioden der magnetischen Variation und der
Sonnenflecken ist ein Beweis, dals der veränderte Zustand auf der Sonnenober-
fläche Aenderungen in den Elementen des Erdmaguetismus herbeiführt. Horn-
stein ging bei seiner Untersuchung von dem Gedanken aus, dafs verschiedene
Zustände auf der Sonnenoberfläche nicht nur nach einander, im Verlaufe der
11 jährigen Periode der Sonnenflecken stattfinden, sondern dals sie auch gleich-
zeitig nebeneinander vorhanden sind, wenn man Regionen .von verschiedener
heliographischer Länge in der Fleckenzone in Betracht zieht. Da nun. während
einer Rotation der Sonne nach und nach alle diese Regionen sich der Erde zu-
wenden, und innerhalb dieser Periode jeder Punkt der genannten Zone seine
Entfernung von der Erde nahe um den ganzen Durchmesser der Sonne ändert,
so hat er untersucht, ob sich nicht periodische Aenderungen in. den Elementen
des Erdmagnetismus zeigen, bei welchen die Dauer einer Periode gleich ist der
synodischen Rotationszeit der Sonne oder einem aliquoten Theile derselben.
Aus den Tagesmitteln: der Deklination von Prag und Wien: und der In-
klination von Prag für das Jahr 1870 ergab sich als Dauer der gesuchten
Periode der Werth T =— 26,33 Tage, welche Gröfse fast genau der von Spörer
aus den äquatorialen Sonnenflecken berechneten Rotationszeit. der Sonne ent-
spricht. (24,54 Spörer, 24,55 Hornstein).
. 1) Liznar, „Ueber die magnetische Deklination und Inklination zu Wien“, (1852—71).
Wiener Sitzb. Bd. LXXVIIL . , ; Sn
; % Hornstein, „Ueber die Abbängigkeit des Erdmagnetismüus vor der Rötätion‘ der Sonne“,
Wiener Ber. Bd. 64.