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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 22 (1894)

360 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1894. 
treffen und durch die Gestalt des Landes zusammengedrängt werden. Man kann 
deshalb diese theoretische Wirkung in Wirklichkeit nicht erwarten, 
Ein deutliches Beispiel von einer Strömung, die unter einer anderen 
hergeht, wird uns im Nordatlantischen Ocean geboten, östlich von den grofsen 
Bänken von Neufundland, wo die von der arktischen Strömung aus der Baffins- 
Bai mitgeführten KEisberge ihren Kurs südwärts quer durch den Golfstrom 
nehmen, der hier ostwärts fliefst. Diese grofsen Eismassen, mit 7 Achteln ihres 
körperlichen Inhalts unter der Oberfläche treibend, haben einen solchen Tief- 
gang, dal sie fast nur von der unteren Strömung beeinfiufst werden. Ein grofser 
Eisberg reicht 600 bis 700 Fuls tief unter die Öberfläche, Die einzige Ursache, 
weshalb diese Berge ihren Weg nach Süden hin fortsetzen, ist der kalte 
untere Strom. 
Im Jahre 1872 erhielt ich den ehrenvollen und lohnenden Auftrag, eine 
Reihe von Versuchen über die Ober- und Unterströmungen der Darda- 
nellen und des Bosporus auszuführen. Sie waren sehr interessant. Ks war 
allbekannt, dafs fast fortwährend ein Oberflächenstrom aus dem Schwarzen Meer 
durch den Bosporus in das Marmara-Meer geht, und dann wieder durch die 
Dardanellen in das Mittelmeer. Mehrere Naturforscher, darunter Dr. W. Car- 
penter, waren aber der Ansicht, dafs ein Gegenstrom unten in entgegengesetzter 
Richtung fließen würde, und es gelang mir, dies zu beweisen. Obwohl wir bei 
der Unvollkommenheit unseres Apparates, der, so gut es ging, sofort hergestellt 
werden mulste, nicht im Stande waren, genau die Mengen Wasser anzugeben, 
die in den zwei Richtungen strömten, fanden wir doch, dafs, wenn der obere 
Strom mit grofser Gewalt südwestwärts durch die Strafse setzte, das Wasser 
vom Meeresboden bis zu einer gewissen Höhe oberhalb desselben sich schnell 
in entgegengesetzter Richtung bewegte. Es war erstaunlich anzusehen, wie die 
Bojen, die ein Holzgestell von 36 Quadratfufß Fläche trugen, das von 100 bis 
zu 240 Fuß Tiefe hinabgelassen wurde, gegen einen starken Oberflächenstrom 
von 3 bis 4 Sm pro Stunde rasend schnell die Strafse hinaufjagten. Ks 
war ein so augenscheinlicher Beweis einer unteren Gegenströmung, wie man 
sich ihn nur wünschen konnte, und die Türken, die unser Vorgehen mit grofsem 
Argwohn beobachteten, waren ganz der Ansicht, dafs der Teufel seine Hand 
dabei im Spiele hätte, und nur der Geleitschein des Sultans bewahrte uns vor 
Unterbrechung ihrerseits. Bei der Untersuchung dieser Strömungen fanden wir, 
wie üblich, dafs der Wind die Hauptursache war. Obwohl das Oberflächenwasser 
vom Schwarzen Meer beinahe frisch ist, und das Bodenwasser aus dem Mittel- 
meer von grofser Dichte, 1,027, wurde doch gefunden, dals nach Windstillen der 
Oberflächenstrom nachliels, zeitweilig ganz aufhörte, während der Unterstrom 
ebenfalls entsprechend an Geschwindigkeit abnahm. 
Unter gewöhnlichen Verhältnissen weht es in der Gegend des Schwarzen 
Meeres und des Marmara-Meeres vorherrschend aus NE. Dies verursacht eine 
Anhäufung des Wassers an den Südwestküsten dieser Meere, gerade da, wo 
die Strafse sich öffnet, und das Oberflächenwasser entweicht hier deshalb schnell. 
Diese Straßen sind ohne Zweifel ungewöhnlich in ihrer Art, aber soweit die 
Oberflächen-Strömungen in Frage kommen, überzeugte mich die lange Reihe der 
damals gemachten Beobachtungen, dafs Unterschiede im specifischen Ge- 
wicht des Wassers, die hier aufserordentlich grofs waren, nicht im Stande 
seien, irgend eine merkliche horizontale Bewegung des Wassers zu ver- 
arsachen. Ich erwähnte, daß es uns nicht möglich war, durch direkte Beob- 
achtungen die genaue Grenzlinie zwischen den entgegengesetzten Strömungen 
festzustellen, aber der schnelle Wechsel des specifischen Gewichts in einer ge- 
wissen an verschiedenen Tagen auch verschiedenen Tiefe gab einen deutlichen 
Fingerzeig dafür, dafs die Strömungen hier wechselten. Ein russischer Offizier, 
Kapt. Makaroff, machte später ähnliche Versuche im Bosporus, aber mit voll- 
kommeneren Apparaten und fand, dafs da, wo das specifische Gewicht sich änderte, 
auch die Strömungen wechselten. 
Ich habe mich bemüht, ähnliche Beobachtungen aus der Strafse von 
Bab el Mandeb zu erhalten, dem südlichen Ausgang des Rothen Meeres, wo 
ziemlich ähnliche Verhältnisse herrschen. Hier sind die Winde von den Mon- 
zunen abhängig. Ein halbes Jahr lang weht der Wind von Norden die ganze 
Länge des Meeres hinunter und verursacht eine Oberflächen-Strömung nach aufsen
	        
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