Ueber Gewitter und Gewitterbeobachtungen.
Es ist zu hoffen, dafs die noch übrigen Lücken in den nächsten Jahren auch
ausgefüllt werden. Von Zeitschriften, in denen schon eine gröfsere Menge von
Gewitterbeobachtungen vereinigt vorliegt, nenne ich die Zeitschrift der Oester-
reichischen Gesellschaft für Meteorologie (jetzt mit der der Deutschen Gesell-
schaft vereinigt als „Meteorologische Zeitschrift“), ferner die „Annalen der Hydro-
graphie“, dann „Wochenschrift für Astronomie, Meteorologie und Geographie“
von Dr. Klein und besonders die von Dr. Assmann herausgegebene Monats-
schrift unter dem Titel „Das Wetter“. Weitere Literaturnachweise, namentlich
auch für ältere Beobachtungen, finden sich bei den betreffenden Abschnitten.
In Frankreich bringen die „Comptes rendus de l’AcadEmie des Sciences“, in
England aufser den Zeitschriften der Englischen und der Schottischen meteoro-
logischen Gesellschaft besonders die „Nature“, in Nordamerika die „Science“
zahlreiche Gewitterbeobachtungen.
1. Bildung der Gewitter, Aussehen und Beschaffenheit der
Gewitterwolken. Es ist sehr leicht einzusehen, dafs es für die Wissenschaft
von besonderem Werthe sein mufs, die Vorgänge bei der Herausbildung eines
Gewitters genau zu kennen. Und doch wissen wir gerade hiervon noch sehr
wenig. Es giebt allerdings einige sogleich zu besprechende Wolkenformen,
welche das Ausbrechen eines Gewitters mit Bestimmtheit erwarten lassen, aber
der aufmerksame Beobachter wird auch ohne solche Anzeichen — namentlich
in der wärmeren Jahreszeit — die Wolken und das ganze Aussehen des Himmels
sorgfältig im Auge behalten, da eine anscheinend sehr harmlose kleine Wolke
plötzlich Gewittererscheinungen zeigen und damit gerade zu sehr lehrreichen
Studien Anlafs geben kann. Auch im Winter sei man stets gefafst, den gar
nicht so seltenen Wintergewittern zu begegnen, welche selbst noch bei Tempe-
raturen unter dem Gefrierpunkte beobachtet sind. Beobachter, welche mit
Instrumenten versehen sind oder synoptische Karten benutzen können, werden
häufig durch den Gang der Instrumente, bisweilen auch durch das Studium der
Isobaren auf den Wetterkarten auf bevorstehende Gewitiererscheinungen auf-
merksam gemacht werden. Die erste Frage, welche diejenigen Beobachter, von
denen hier die Rede ist, zu lösen suchen müssen, ist nun die: Entwickelte sich
das Gewitter aus schon längere Zeit bewölktem Himmel, oder war der Himmel
bis zum Auftreten der eigentlichen Gewitterwolken vorherrschend heiter?
Der erste Fall ist, wie Jeder weifs, bei uns entschieden der seltenere;
es kommen aber Jahre vor, in denen nach stunden- und selbst tagelang an-
haltendem Regen die anscheinend gleichmäfsig grauen Wolken plötzlich Blitz
und Donner zeigen. Besonders ist dies zu erwarten, wenn der Regen Wechsel
in seiner Stärke zeigt, so dafs zeitweise heftigere Güsse eintreten, und wenn
dabei die Temperatur nicht so sinkt, wie bei anhaltendem Regen zu erwarten
wäre. Fälle dieser Art sind besonders sorgfältig zu prüfen; bei genauerem
Studium des Himmels wird sich doch meist erkennen lassen, dafs die blitz-
aussendenden Partien etwas dunkler gefärbt sind. Gewitter, welche nach an-
haltendem Regen ausbrechen, sind gewöhnlich nicht allzu schwer,!) haben aber
die Tendenz, sich zu wiederholen, Ich erinnere mich an einen warmen reg-
nerischen Augusttag, an welchem von Vormittags 11 Uhr bis gegen Einbruch
der Nacht in Pausen von 30—50 Minuten immer wieder einzelne Blitze mit
langem rollendem Donner beobachtet werden konnten, ohne dafs der Anblick
des Himmels während der Einzelgewitter ein merklich anderer gewesen wäre,
als in den Pausen. Nur mit grofser Mühe war bisweilen ein Farben- und
Helligkeitsunterschied einzelner Theile des Himmelsgewölbes zu bemerken.
Am 10. Juli 1886 herrschte in Königsberg während des ganzen Tages
gleichmäfsiger Regen bei kühlem Winde; er dauerte auch in der nächsten Nacht
noch fort. Zwischen 2 und 3 Uhr Morgens am 11. verstärkte sich der Regen
plötzlich sehr merklich, und es erfolgte mehrmaliger rollender Donner. Nach
dem Gewitter wurde der Regen bald wieder schwächer. In Salzburg sollen
nach Fritsch die Gewitter sich gar nicht selten erst nach länger dauerndem
Regen einstellen und sich auch nicht durch Blitze oder fernen Donner vorher
verkünden.!) Man achte auch auf den Charakter der Bewölkung nach dem
endlichen Aufhören eines solchen Gewitters, bisweilen sieht man dann, daß die
‘) „Oesterr, Zeitschr, f. Meteor,.“, Band 12. 1877. S. 396.