Reisebericht der Deutschen Bark „Albatrofs“,
487
um 8 Uhr Abends der Dampfer an der Brücke der Englischen Faktorei fest-
gemacht wurde.
Am nächsten Tage löschten wir die für Boma bestimmte Ladung und
nahmen dann Landesprodukte für den Export wieder an Bord. Der Kapitän
des Dampfers theilte mir mit, dafs Boma von Schiffen bis zu einem Tiefgange
von 6,6m (22 Fufs) erreicht werden könne. Die „Belgische Association“ hat
daselbst ihren Hauptsitz und auf einem Hügel, eine Viertelstunde vom Flusse
entfernt, ein Hospital. Aufserdem befinden sich in Boma zwei Englische, eine
Holländische und drei Portugiesische Faktoreien, sowie eine Missionsstation.
Am zweiten Morgen nach unserer Aukunft in Boma dampften wir den
Flufs weiter hinauf, immer das rechte Ufer desselben haltend. Die vielen
Inseln verschwinden jetzt aus dem Flusse, und die Ufer desselben, welche sich
zu einer geschätzten Höhe von 30—120m erheben, treten näher zusammen.
Das Land ist hügelig, von röthlich brauner Farbe und mit einzelnen Bäumen
bestanden. In der Nähe des Ufers befinden sich an vielen Stellen Felsen. Von
Oscar Rock, welcher in der Mitte des Fahrwassers liegt und über die Oberfläche
desselben hervorragt, bis zum Diamond Rock liegen recht im Kurse der Schiffe
viele Klippen eben über oder unter Wasser, welche Stromwirbel von ganz be-
deutender Stärke verursachen. Infolge der letzteren gebrauchten wir zum
Zurücklegen einer Strecke von nur einer Seemeile in der Nähe der Gombace-
oder Hall-Insel volle 1'/2 Stunden. Einmal über das andere wurde das Schiff
durch den Strudel wieder zurückgerissen, und die Maschinisten und Heizer
mußten ihr Aeufserstes aufbieten, um den zur Ueberwindung der grofsen Hinder-
nisse erforderlichen Dampf zu erhalten. Für gewöhnlich hielt der Dampfer
eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 6—7 Knoten, Von Fidliers Elbow
steuerten wir nach dem südlichen Ufer, eben unterhalb Blemba Rock, hinüber
und verfolgten dieses dann bis zum Diamond Rock, woselbst wieder dem nörd-
lichen Ufer zugewendet wurde, dem wir bis gegenüber Noki entlang dampften.
Darauf kreuzten wir den Flufs und legten um 4* p. m. in Nokt an.
Der Congo hat von Boma bis Nokt so ziemlich dieselbe Breite, wie die
Elbe bei Hamburg. Ich habe noch zu erwähnen, dafs an manchen Stellen dicht
am Ufer des Congo eine Gegenströmung dadurch entsteht, dafs ein Theil des
Wassers durch den abfliefsenden Strom auf eine weit hervorspringende Land-
spitze geworfen wird und nun auf eine gewisse Entfernung am Ufer entlang
zurückströmt. |
Auf der Reise flufsabwärts, die am folgenden Tage angetreten wurde,
legten wir bei allen mit der Englischen Gesellschaft in Handelsbeziehung
stehenden Faktoreien an, um die für die Ausfuhr bestimmten Produkte einzu-
nehmen. In Boma wurde wieder übernachtet, am nächsten Morgen um 7'/s Uhr
die Reise unter den bisherigen Verhältnissen fortgesetzt und um 12' Uhr
Mittags Banana erreicht.
In Betreff des Congo-Staates, dessen Regierungsgeschäfte von der „Bel-
gischen Association“ ausgeübt werden, möchte ich noch bemerken, daß die
Autorität dieses Staates bis jetzt nur noch eine sehr geringe ist, und daber ein
Europäer Schutz von der Regierung nicht erwarten darf. Hier kommt noch
voll und ganz das alte Sprüchwort „Nur wer die Macht hat, hat auch das Recht“
zur Geltung. Auch möchte ich, zur Richtigstellung der vielen falschen An-
sichten über die Verhältnisse des Congo-Staates, welche durch gewissenlose
Zeitungsartikel in Buropsa Verbreitung finden, noch über das Schicksal zweier
anserer Landsleute, eines Tischlers und eines Handlungsgehülfen, berichten, die,
in der Erwartung, ihr Glück zu machen, mit einem Koglischen Dampfer nach
dem Congo gekommen waren. Sie waren, wie sehr viele Menschen in Europa,
der Meinung gewesen, dafs Banana, Puerta da Lenha, Chinchoxo, Boma, Binda,
Nokt u. 8. w. mehr oder weniger grofse Städte und Flecken seien, wo sie leicht
Beschäftigung finden würden, während in Wirklichkeit die meisten dieser Namen
nur Faktoreien (Handelsstationen) bezeichnen, die mit den Eingeborenen einen
Tauschhandel betreiben, Mitunter trifft man an einem Orte die Faktoreien
mehrerer Gesellschaften oder Handlungshäuser nebeneinander, aber nicht selten
besteht ein solcher Ort nur aus einer einzigen Faktorei. (Jasthäuser oder Hotels
giebt es hier nicht, und jeder Fremde hat daher die Gastfreundschaft einer der
Faktoreien in Anspruch zu nehmen. (Die Holländische Gesellschaft hatte freilich
Ann. d. Hydr. etc... 1896, Heft XI.