Längenbestimmungen durch Beobachtung des Auf- oder Untergangs eines Gestirns, 369
Beispiel 3. Bei der in Beispiel 1 verzeichneten Beobachtung wurde
die Sonne, als ihr Mittelpunkt im Horizont stand, gepeilt N 67,3° W,
Es ist berechnet dz = + 34‘11” = 4 34,2%; f‘ (nach Tafel VII) = 0,4;
dA = f‘dz = 13,7 = 0,2°.
Für d = 19° 17’N und gg = 12° 82‘’N erhält man
log sin d = 9,51883
log sec # = 0,01047
logcos A — 9,52930
A = N70,2° W
dA = —02
A‘ = N 700° W.
Wenngleich die Verwendbarkeit der Mayer’schen Methode durch Ver-
suche, wie Kingangs erwähnt, nachgewiesen ist, und dieselbe, wie jede neue
Gelegenheit, welche dem Seefahrer zur Positionsbestinmung seines Schiffes
geboten wird, dankbar begrüfst werden mul, so dürften doch die Vortheile,
welche dieselbe der praktischen Nautik bringt, aus naheliegenden Gründen nur
beschränkte sein.
Nur selten ist der Horizont so klar, dafs er das Passiren eines auf- oder
untergehenden Gestirns durch denselben mit der Schärfe zu beobachten gestattet,
wie es die Methode erheischt, so dafs sich auch nur verhältnifsmäfsig selten
die Gelegenheit bieten wird, dieselbe zu verwenden. Wenn dies in erhöhtem
Mafse Nachts bei Sternen der Fall ist, so ist doch auch gerade beim Auf- oder
Untergange der Sonne der Horizont häufig unrein. Auch erscheint die genaue
Fixirung des Moments des Erscheinens oder Verschwindens des Gestirns oder
der Gestirnsränder über oder unter dem Horizont schwierig, und erfordert
jedenfalls eine angestrengiere und längere Aufmerksamkeit, als das Messen
einer Gestirnshöhe; die hierbei entstehenden wahrscheinlichen Fehler sind
mindestens ebenso grofs, wie die bei Höhenmessungen, selbst bei niedrigen
Gestirnshöhen nahe am Horizont, gemachten Fehler, ja bei geübten Beobachtern
und guten Instrumenten, wie man sie jetzt doch überall voraussetzen darf,
wohl unzweifelhaft größer.
Wenn auch die Refraktion so genau, wie es der jetzige Stand der
Wissenschaft zuläfst, berechnet ist, so haftet derselben bei so großer Zenith-
distanz doch immer eine große Unsicherheit an, und dieselbe nimmt in der
Nähe des Horizonts und unter demselben so zu, dafs auch aus diesem Grunde
das Messen einer Gestirnshöhe den Vorzug verdient. Die Entbohrlichkeit eincs
Instrumentes kann als Vortheil kaum noch bezeichnet werden; die Ableitung
des Stundenwinkels aus einer beobachteten Gestirnshöhe kurz vor dem Unter-
gang Oder kurz nach dem Aufgang des Gestirns in der gewöhnlichen Weise
macht die Methode entbehrlich und ersetzt sie, Es fällt dies umsomehr ins
Gewicht, als es wünschenswerth ist, die für den Gebrauch des Seemanns be-
stimmten Rechnungsarten möglichst zu beschränken, In gleicher Weise sind die
besonderen Tabellen, welche für die Durchführung des Problems erforderlich
sind, nachtheilig; die nautischen Tafeln haben bereits einen solchen Umfang
angenommen, dafs jeder Zuwachs derselben ungern gesehen wird und eine
Reducirung derselben angestrebt werden mufs; die in den gewöhnlichen im Ge-
brauch befindlichen nautischen Tafeln und Jahrbüchern angegebenen Refraktions-
tabellen reichen in ihrer jetzigen Gestalt nicht aus, da sio die Refraktion nur
für Höhen über dem Horizont enthalten; allerdings ist es nicht ausgeschlossen,
dafs sie sich durch entsprechende Erweiterung auch für den Gebrauch bei der
in Rede stehenden Methode geeignet machen lassen. Die Anwendung der vor.
schiedenen kleinen, mit möglichster Genauigkeit zu bestimmenden Korrektionen
erschwert die Rechnung und macht sie nicht einfacher, als diejenige der ge-
wöhnlichen Zeitbestimmung aus Gestirnshöhen, ganz abgesehen davon, dafs die
letztere als die gewöhnliche und tägliche eine viel gröfsere Routine bei dem
Rechner voraussetzen läfst.
, WVebrigens läßt sich das Problem auch lösen olıne Anwendung der
Differentialformeln der Mayer’schen Methode, unter Beibehaltung der zur Er-