Ann, d. Hydr. ete., XIV. Jahrg. (1886), Heft VIIL
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Forschungen S, M. Knbt. „Drache“, Kommandant Korv.-Kapt.
Holzhauer, in der Nordsee 1881, 1882 und 1884,
(Hierzu Tafel V und VL)
II. Die Strombeobachtungen,
Das Zustandekommen der Ebbe- und Flutherscheinungen in der Nordsee
kann allgemein erklärt werden aus dem Eindringen einer Atlantischen Gezeiten-
welle von NW her im Norden von Schottland. Das Fortschreiten der Hoch-
wasserzeiten an der Grofsbritannischen Küste kann man sich durch folgenden
Vorgang noch weiter unterstützt denken: Der gröfsere Theil der atlantischen
Fluthwelle passirt die Shetland-Inseln im Norden und läuft auf die Küste ron
Norwegen zu, wo die grofse Tiefe in unmittelbarer Nähe der Küste einer Re-
lexion dieser Welle besondere günstig ist. Die etwa vor dem Korsfjord. nach
5W reflektirte Welle passirt die direkt aus NW kommende, südlich von den
Shetland-Inseln eintretende Welle und giebt mit dieser kombinirt Anlafs zu
west-östlichen Linien gleicher Fluthzeit, welche von Norden nach Süden fort-
schreiten. Jene aus nordwestlicher Richtung eintretende Welle erkennt man auch
in den Gezeitenerscheinungen an der Südküste Norwegens bis nach Skagen und
der schwedischen Westküste wieder.
Im südlichen Theil der Nordsee bringt die Konfiguration des Meeres-
beckens trotz der grofsen Reibung, welche die Bewegung 'im flachen Wasser
überwinden muls, stark entwickelte Gezeiten hervor. Die von Norden ein-
iretende Fluth findet im Süden der Dogger-Bank einen Kanal, welcher sie nach
Osten austreten läfst, nachdem schon ein grofser Theil der Welle quer über
die Dogger-Bank östlich verlaufen ist, wie die auf der Bank angestellten Strom-
beobachtungen erweisen.
Auf dem 54, Breitengrade, etwa zwischen Flamborough Head und Helgoland,
läuft abwechselnd ein östlicher und ein westlicher Gezeitenstrom. Hochwasser
an beiden Enden dieser Erstreckung liegt nahe um sechs Stunden auseinander.
Die mittlere Tiefe beträgt 40 m, in der westlichen Hälfte 50—60 m bei aller-
dings wenig gleichmäfßsiger Formation des Bodens. Wenn man das Verhältnis
der Tiefe zur Längenerstreckung (letztere abzüglich des flachen Küstentheils
im Osten) vergleicht, so findet sich, dafs die Verhältnisse hier einer Resonanz-
Erscheinung, d. h. der Bildung einer stationären Welle mit grofsem Fluthwechsel
an den gegenüberliegenden Küsten, günstig sind.)
Es wird nur im Einklang stehen mit den neveren Anschauungen, wenn
dieser Umstand für die Erklärung der in der südlichen Nordsee stark auftreten-
den Gezeiten in den Vordergrund gerückt wird. Der Einfluß einer aus dem
Englischen Kanal eintretenden Fluthwelle ist bereits von Sir William Thom-
30n als nicht erheblich erkannt worden. Aus den veröffentlichten Zusammen-
fassungen dieses Forschers (Report, British Association 1878 Seite 639) geht
nicht hervor, worauf sich der von ihm aufgestellte Satz — dafs der Verlauf
der Gezeiten in der Nordsee bei Verschlufs der Straße von Dover im Wesent-
lichen derselbe bleiben würde — im Speziellen stützt. Jedenfalls kommt die
N Vorstehenden dargelegte Auffassung zu einem im Wesentlichen gleichartigen
sultat,
1) Für eine Längenerstreckung von acht Längengraden, auf 541/39 N-Br -— 518216 m an-
genommen, berechnet sich die einer Balance-Welle genau entsprechende Tiefe zu 51 m.