288 Allgemeines und physikalische Beobachtungen in Bezug auf Temperatur und Salzgehalt.
bleiben. Dessenungeachtet wird man nicht von dem Versuche abstehen dürfen,
den ursächlichen Zusammenhang der verworrenen Erscheinungen nach Möglich-
keit aufzuklären, denn einmal ist gerade der Umstand, dafs die Nordsee ein
Becken bildet, in dem sich Wasser sehr verschiedenen Ursprungs und ab-
weichenden Bestandes begegnet, geeignet, eine Prüfung anzustellen, in wio weit
hier bekannte physikalische Gesetze erkennbar bleiben, sodann vermag man
aber nur auf diesem Wege festzustellen, wo noch herrorragende Lücken im
Beobachtungswaterial vorhanden sind.
Die Charakteristica der Wasser verschiedenen Ursprungs sind im All-
emeinen die Temperatur und der Salzgehalt, wozu nach den scharfsichtigen
Untersuchungen Tornöes noch der Luftgehalt, namentlich der an Stickstoff,
tritt. In der Nordsee steht das Kennzeichen der Temperatur sehr an Bedeutung
zurück, denn wenn man z. B. am Boden dieses Meeres irgendwo kaltes Wasser
ändet, so kann es — falls andere Mittel, seine Herkunft zu bestimmen, fehlen —
zweifelhaft bleiben, ob es durch eine Tiefen-Strömung aus dem nördlichen Ocean
herbeigeführt ist, oder dem Sinken infolge Abkühlung während des letzten
Winters sein Vorkommen an der betreffenden Stelle verdankt.
In Verbindung mit dem Salzgehalt gewähren aber auch die Temperaturen
sinen nützlichen Anhalt, und thatsächlich zeigen sie uns in vorliegendem Falle,
dafs wir an gewissen Stellen ein Residuum der Kälte des letzten Winters vor
ans haben, wie wir weiterhin sehen werden.
Dem Salzgehalt haftet dieser Mangel nicht an. Hinsichtlich seiner kann
nur in Frage treten, durch welches der Thore, die zu AALEN Meeren
führen, das Wasser mit hohem Salzgehalt eingetreten ist. Kine Karte, welche
Horizontalkurven des Salzgehaltes giebt, darf daher unser besonderes Interesse
beanspruchen, und wir erkennen aus den Tafeln B — namentlich aus der Kurre
ron 3,50 pCt. Salz — ohne Weiteres, dafs das salzigere Wasser des centralen
Theils der Nordsee sowohl an der Oberfläche wie in der Tiefe aus dem Nord-
west bezw. Nord stammt und nicht aus dem Pas de Calais eingeströmt ist,
was man übrigens hinsichtlich des Boden wassers schon a priori aus der Boden-
konfiguration zu schließen vermag.
Es zeigen uns die Kurven für die oberen Wasserschichten bis zu wenig-
stens 30m aber auch den genaueren Kinströmungsort an: er liegt zu beiden
Seiten der Shetland-Inseln, Ob das Wasser am Boden noch eine andere
Zugangsöffnung, etwa in der tiefen Rinne der Norwegischen Küste, hat, wie der
Salzgehalt von Station W und X anzudeuten scheint, läfst sich zur Zeit noch
aicht ganz sicher entscheiden. Dagegen spricht jedenfalls, dafs auf der Nor-
wegischen Nordmeerexpedition auf 62°4' N-Br und 2°44,5' O-Lg in 413 m Tiefe
aur ein Salzgehalt von 3,53 pCt, gefunden worden ist, während wir der An-
nahme eines Zuflusses an dieser Stelle zur Erklärung des grofsen Salzgehaltes
in den unteren Schichten der Norwegischen tiefen Rinne auch nicht bedürfen,
Die Vergleiche der Salzgehaltskurven auf den drei Tafeln B ermöglichen
88 uns, auch in anderer Richtung einen Einblick in die Bewegungsvorgänge
der Wassermassen des Nordseebeckens zu gewinnen. Leicht erkenntlich ist,
dafs — wie nicht anders zu erwarten — das salzreichere Wasser in der Tiefe
ein erheblich gröfseres Areal bedeckt als in den oberen Schichten, wie es ferner
selbst noch in 30m Tiefe weitreichende Ausläufer nicht nur nach Süden über
len Rand der Dogger-Bank sendet, sondern auch nach Orten in die tiefo Rinne
des Skagerrak hinein; wir sehen aber andererseits auch, wie dieses starksalzige
Wasser in den oberen Schichten von dem süfsen Wasser des Landentwässerungs-
gebietes überfluthet und durch das Mischwasser mittleren Salzgehaltes auch noch
in tieferen Schichten von der Küste abgedrängt wird. KEs zeigt sich letzteres
in der bis auf den Meeresboden hinabgehenden weit nach NO vorgeschobenen
Auskurrung der Linie von 3,50 pCt. Salzgehalt als Folge der Mischung mit
der Süßwasserabwässerung der Britischen Küste, sodann im Verlauf derselben
Linie an der Südostseite des Beckens und endlich in der Abdrängung dieser
Linie von der Norwegischen Küste in der 30m Tiefe, veranlafst durch den
Umstand, dafs sich hier das angesüßte Wasser der Ostsee mit dem Sülswasser
des Norwegischen Abwässerungsgebietes mischt. Wir werden später sehen, dafs
das scheinbar anomale Vordrängen des Salzwassers durch das Mischwasser in diesen
liefern Schichten keineswegs eine Durchbrechung des Schweregesetzes bedeutet,