Aufforderung zur Beobachtung der glänzenden Himmelserscheinungen. 277
steht, nahe am Horizonte sich befindet, weshalb es, da der Horizont innerhalb
bewohnter Orte mehr oder weniger verdeckt ist, meist nur schwer wahrgenommen
werden kann,
Die Erscheinung verdient an sich das lebhafteste Interesse, außerdem
zeigen sich an derselben besondere Eigenthümlichkeiten, welche es wünschens-
werth erscheinen lassen, dafs dieselbe auch in auderen Erdtheilen näher verfol
wird, Diese Eigenthümlichkeiten bestehen darin, dafs das Phänomen in Mittel
Europa bis jetzt nur um die Zeit des Sommer-Solstitiums beobachtet worden
ist. Die Eracheinung wurde zuerst am 23. Juni 1885 bemerkt, und sie hielt
mit einigen Unterbrechungen bia zum 27. Juli an. In dem gegenwärtigen Jahre
wurde sie zuerst am 28, Mai gesehen und ist seitdem ebenfalls mit Unter-
brechungen öfter wahrgenommen worden. In dem Folgenden gebe ich eine
nähere Beschreibung des Phänomens, wie ich es am 19. Juli 1885 beob-
achtet habe,
Die Sonne ging am 19. Juli um 8° 9” bei ganz klarem Himmel unter,
Um 8» 24” erschienen an den verschiedensten Stellen des Himmels vereinzelte,
schr zarte, weifse Streifen, ähnlich sehr leichtem Cirrusgewölk. Mit weiter
sinkender Sonue wurde die Sichtbarkeit dieser Streifen auffallender. Während
sie aber im Allgemeinen an Flächenausdehnung zunahmen, so dafs nach einiger
Zeit die ganze Himmelsfläche damit bedeckt erschien, machte sich an dem der
Sonne gegenüberliegenden Theile des Himmels, im Südosten, bereits eine Aus-
löschung emerkban Diese Auslöschung dehnte sich langsam nach Nordwesten
hin aus, und zwar war dieselbe so FOllkowmen, dafs nichts als der tiefblaue
Himmel bemerkt wurde an Stellen, an welchen vorher die weilsen Wolken ge-
sehen worden waren, Mit dem weiteren Zurückziehen der Erscheinung nach
Nordwesten hin hatte dieselbe ein immer lebhafteres Licht gegen die Umgebung
orhalten. Zu der Zeit, als die obere Grenze des Phänomens im Nordwesten
etwa 12° hoch war, gegen 9 40”, war der Lichtunterschied zwischen dem-
selben und dem. übrigen Himmel ungefähr so grofs, wie der Lichtunterschied
der Fläche des Mondes gegen den Himmel zu der Zeit, wenn die Sonne im
Horizonte steht und wenn die Höhe des Mondes mehr als 10° beträgt. In
der Höhe von 8° bis 12° war das Licht der Erscheinung ein silberglänzendes
Weiß; otwas tiefer wurde die Farbe goldglänzend, in gröfster Nähe des
Horizontes jedoch schmutzig gelb.
Aus den an diesem und an anderen Abenden, an welchen die Erscheinung
ganz ähnlich auftrat, angestellten Beobachtungen über die Winkelhöhe des nach
Nordwesten hin vorrückenden Schattens der Erde ergiebt sich mit hoher Wahr-
scheinlichkeit, dafs das Phänomen durch einen in den obersten Schichten der
Atmosphäre enthaltenen fremdartigen, sehr feinen Stoff, welcher durch die
Sonne beleuchtet wird, zu Stande kommt, Die lineare Höhe der oberen Grenze
der Materie über der Erdoberfläche beträgt etwa 50km, eine Höhe, in welcher
die Dichtigkeit der Luft verschwindend klein ist, Auffallend und höchst merk-
würdig ist es aber, dafs die Erscheinung bis jetzt nur in den Sommermonaten
gesehen worden ist.
Es ist sehr wünschenswerth zu einer vollständigen Diskussion, dal diese
Erscheinung, über welche bereits eine kleine Arbeit‘) von mir vorliegt, auch
in anderen Erdtheilen, besonders in südlichen, beobachtet wird. Ich bitte daher
um Mittheilung von Beobachtungen; jede, auch die kleinste Notiz, wird mit
Dank entgegeungenommen werden,
Sternwarte Berlin im Juni 1886,
(h
BE
88,
„Meteor, Zeitschrift“ 1886, 8. &.
Anz, 4. Hydr. ote., 1896, Heft VI.