Orkan vom 14. Mai in Crossen und Umgebung,
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Ein Theil der Ausnahmen mag einfach auf Rechnung von störenden Um-
ständen beim Fall zu schreiben sein; allein im Ganzen glaube ich nicht, dafs
diesen bei dem untersuchten Material — vorwiegend 40—120 jährigen gesunden
Kiefernbeständen auf schwach gewelltem Boden — allzuviel Kinflufs zuzuschreiben
ist. Das Mitreifsen anderer Stämme im Fall, das in den älteren unter diesen
Beständen oft vorgekommen sein mag, wirft meist die Bäume in derselben
Richtung um und vermehrt also nur das Gewicht bald eines, bald des anderen
Azimuts in den Beobachtungen, selten erzeugt es kreuzweises Liegen von
Stämmen, und bei den jüngeren Beständen spielt es überhaupt keine erhebliche
Rolle, Die Ungleichheiten beim Auffallen äufsern sich stark bei den abgerissenen
Kronen (Zöpfen), welche darum wenig verwerthbar sind, selten bei den ent-
wurzelten oder an dem Stumpf noch anhängenden gebrochenen Stämmen, Auch
versicherten mir mehrmals die zugleich anwesenden Forstbeamten, dafs mach
WE Ansicht die von mir gemessenen Stämme frei in der Richtung des Stofses
ijegen.
Nach diesen Vorbemerkungen gehe ich zur Darstellung der gewonnenen
Thatsachen aus den einzelnen Theilen des Verwüstungs-Streifens und seiner
nächsten Nachbarschaft über.
In Merzwiese, der letzten Station westlich von Crossen, verliefs ich die
Eisenbahn, um die Spur des Orkans von seinem Beginn an zu untersuchen, An
diesem Orte selbst hat es keinen erheblichen Windschaden, sondern nur Hagel-
schaden gegeben, obwohl der Stofs auch hier recht hoftig war, Der Vorgang
wurde mir von zwei Personen unabhängig in ziemlich übereinstimmender Weise
geschildert, namentlich das Heraufkonımen zweier schwarzer Wolken aus W
and S mit hellen Streifen darin, welche Wolken eine rollende Bewegung zeigten,
wie der Rauch aus dem Schornstein einer Lokomotive. Der eine Zeuge sah
„unter der schwarzen Wolke im W weilse Strahlen“, die er auf Hagel deutete,
nach dem andern hatten „beide Wolken helle Strahlen in sich, wie wenn die
Sonne zwischen Wolken hindurchscheint“; letzterer, ein Händler, war zu Fulfs
unterwegs, als das Unwetter losbrach; auf dem Wege von Neuendorf nach
Merzwiese schlugen ihm die Schlossen aus SW ins Gesicht; sie waren daumen-
grofs, aber nicht dicht.
Ia Bobersberg, 11km südlich von Crossen, sahen die Wolken, nach
der Erzählung eines dortigen Einwohners, schon bald nach 2* 80 bedrohlich
aus, dafs eine Leichenrede wegen des drohenden Sturmes statt auf dem Be-
gräbnifsplatz auf einem Hofe gehalten wurde; dieselbe fing gegen 2'/s® an, kurz
or 3 rifs der ausbrechende Storm eine Ecke des Daches von einem anstofßen-
den Gebäude ab; im Ganzen ist der Windschaden dort nur geringfügig. .
Ungefähr in der Mitte zwischen Merzwiese und Bobersberg finden sich
die ersten schweren Beschädigungen, in der Kgl. Oberförsterei Gro/s-Braschen,
und zwar ist der am weitesten südwestlich liegende Windbruch im Jagen 77,
südlich der Chaussee nach Guben, der zweite im Jagen 97, nördlich derselben.
Beide Stellen babe ich unter Führung eines dortigen Forstbeamten, Herrn
Fleischmann jun., besucht. Im Jagen 77, Belauf Zheerofen, Forstort Zhier-
garten, liegt mitten im Walde, auf hohem, nordwärts sacht ansteigendem
-orrain, ein Nest von einer erheblichen Anzahl Stämme, alle aus rein S
gefallen.
Im Jagen 97, Belauf Rehlaug, ist am Ostnordostrande des Hochwaldes
gegen eine lange Kulturfläche, unmittelbar nördlich von einem, durch kürzlich
arfolgtes Abholzen verbreiterten Gestelle, eine Menge ca 120jähriger, 40 bis
50 cm starker Kiefern, vielleicht 400 Festmeter repräsentirend, in einer Breite
von etwa 200 Schritt gestürzt, meistens aus dem Walde in die Lichtung hinein,
Die gestürzten Bäume lagen in wilder Regellosigkeit da, in der zeitlichen Auf-
einanderfolge war hier kaum ein Gesetz zu erkennen; dadurch aber, dafs die
nördlichen Stämme aus N, die südlichen aus W und S gefallen sind, erscheint
das ganze Nest konvergent geworfen. Dieses Verhalten habe ich bei keiner
der vielen anderen verwüsteten Stellen gefunden, wohl aber häufig das Kon-
rergiren kleinerer Gruppen von Stämmen innerhalb eines gröfseren Nestes nach
mehreren Punkten, wovon epäter die Rede sein soll (vgl. am Ende),