Die Marshall-Inseln,
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gröfstentheils aus Sprüngen, Gliederverrenkungen, Verzerrungen der Gesichts-
züge und Rollen der Augen.
Dem Tanzenden gegenüber, der seine Sprünge und Grimassen mit wildem
Geheul begleitet, sitzt ein Chor von Sängern oder Sängerinnen, welche ein der
Bedeutung des Tanzos entsprechendes Lied oder auch nur die Begleitung zu
dem Gesang oder vielmehr Geheul des Tanzenden singen. Die Trommel, von
alten Weibern geschlagen, spielt als begleitendes Instrument eine Hauptrolle,
ist sie nicht vorhanden, so wird kein Häuptling zu einem Tanz zu be-
wegen sein,
Die nicht alltägliche Beschäftigung der Eingeborenen ist bei der männ-
lichen Bevölkerung Fischfang, Hütten- und Kanoebau; die Weiber fertigen
Matten, Fächer und Strohhüte aus den Blättern des Pandanusbaumes oder dem
Bast der Loa an. Die Arbeiten der Frauen sind auch für das europäische Auge
yeschmackvoll ausgeführt und weisen verschiedene Muster auf. Nur die Stroh-
hüte, wie schon oben erwähnt, den Panamahüten ähnlich, haben stets ein und
dieselbe Form und Farbe. Von den oben angeführten Arbeiten der Männer
ist der Kanoebau die bedeutendste Leistung, deren die Marshall-Insulaner fähig
sind. Die Kanoes werden aus dem Holz des Brodfruchtbaumes gebaut, und
zwar je nach ihrer Gröfse aus einem oder mehreren Stücken, Als Werkzeuge
benutzen sie zu dieser Arbeit nur eine Muschel- und neuerdings auch eine
eiserne Axt, welche sie sich vom europäischen Händler erstanden haben. Der
anterste, vorderste und hinterste Theil des Kanoes, besonders bei den größeren,
wird durch je einen entsprechend ausgehöhlten Stamm des Brodfruchtbaumes
gebildet, Auf diese werden dann je nach der Gröfse, welche das Kanoe erhalten
3oll, die nöthigen Hölzer seitlich, vorn und hinten aufgesetzt. Die Hölzer stofsen
sämmtlich stumpf an einander und werden durch Laschungen unter sich verbunden,
Zu den Laschungen werden Schnüre benutzt, die aus der an der Schale der
Kokosnuls haftenden Faser zusammengedreht werden, Nachdem die Laschung
yelegt ist, werden die zum Scheren der Laschung in den Hölzern befindlichen
Löcher durch eine Art Kitt geschlossen, welcher aus fein geriebenem weichem
Holz, vermischt mit dem dicken klebrigen Saft der Pandanusfrucht, bereitet
wird. Als Dichtung zwischen den Hölzern legen die Kanoebauer getrocknete
Pandanusblätter in die Nähte, und zwar ehe sie die Laschung angeholt haben.
Etwaige noch sichtbare Undichtigkeiten werden mit dem oben beschriebenen
Kitt zugeschmiert. Diese Dichtung ist natürlich nicht genügend, die Kanoes
lecken sämmtlich und müssen fortwährend ausgeschöpft werden, wozu aus Brod-
fruchtbaumholz roh angefertigte Mulden mit kurzem Stiel oder auch Kokosnufs-
schalen, alte Büchsen präservirter Speisen und Gefäfse irgend welcher Art
benutzt werden. Ein Mann ist aber vollkommen genügend, die Arbeit des
Ausschöpfens zu verrichten, ohne dafs er sich dabei sehr anzustrengen braucht,
Die Kanoes sind lang und sehr schmal, Sie führen an einem in seiner Spur
beweglichen Mast ein grofses dreieckiges Segel, welches aus Matten zusammen.
genäht ist. Die Raa, an welcher das Segel befestigt ist, ruht mit der spitzen
Keke des Segels in einer Spur am Ende des Kanoes. An der einen Seite des
Kanoes ist ein der Größe desselben entsprechend weit abstehender Ausleger
befestigt, welcher das Kentern des Bootes verhindern soll. Das Segel wird
stets an der dem Ausleger gegenüber liegenden Seite gesetzt. Beim Wenden
wird daher auch nicht das Kanoe selbst gedreht, sondern os bleibt liegen,
während das Segel geschiftet wird, indem die Raa nach dem andern Ende des
Bootes (entweder von vorn nach achtern oder von achtern nach vorn) ge-
nommen wird. Der Mast ist deshalb in der Längsrichtung des Kanoes beweglich,
zeitlich wird er, besonders stark nach dem Ausleger zu, durch Enden gestützt.
Nach vorn oder hinten wird er durch das Fall des Segels resp. das Segel selbst
and selten noch durch Hülfsenden, die bei jedem Schiften des Segels los-
zenommen und von Neuem angesetzt werden müssen, gehalten.
Das Schiften des Segels geht sehr schnell. Die Kanoes segeln aufser-
ördentlich dicht beim Winde; hierin schlagen sie jedes europäische Boot, vor
dem Winde jedoch segeln sie nicht schneller, als ein gutes europäisches Boot.
Binen grofsen Vortheil haben sie auch bei wenig Briese, da der geringste
Lufthauch denselben Fahrt verleiht.