accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 14 (1886)

Die Marshall-Inseln, 
201 
Hierbei verfahren sie aulsoerdem mit einer gewissen Berechnung. Sobald sie 
hören, dafs Arbeiter gebraucht werden, thun sie, als ob sie gar kein Geld 
nothwendig hätten und deshalb auch nicht zu arbeiten brauchten. Es sind 
dann lange Unterhandlungen nothwendig, che der Fremde den Eingeborenen 
dazu bewegt, sich zur Arbeit zu verdingen, und mufs er in solchem Falle sehr 
vorsichtig mit ihm umgehen, damit er die Arbeit nicht wieder verläfst, Anders 
lagegen ist es, wenn für jange Zeit keine Arbeit in Aussicht ist, was sie sehr 
genau wissen; dann überlaufen sie die Fremden mit dem Gesuch um Arbeit, 
besonders, wenn sie sich etwas vom Europäer kaufen wollen. So kommen sie 
and fragen: „Hast Du keine Arbeit für mich? Ich hrauche ein Hemde, ich 
kann es nicht bezahlen, aber ich will dafür arbeiten“, 
Einen Begriff vom Sparen oder Geldzurücklegen haben sie nicht, dagegen 
sind sie sehr bereit, Schulden zu machen, und soweit ihnen seitens der Fremden 
Kredit gegeben wird, thun sie es auch, 
Das Rauchen ist bei beiden Geschlechtern sehr verbreitet; diesen Genuls 
lernen sie schon in frühester Jugend kennen. Sie rauchen den vom Europäischen 
Händler gekauften Tabak aus einer Thonpfeife oder nach Art einer Cigarette 
in ein Pandanusblatt eingewickelt. Sitzen mehrere Eingeborene zusammen, so 
geht die Thonpfeife oder Cigarette die Reihe herum, jeder der Umsitzenden 
hut einen Zug, bis der Tabak aufgeraucht ist. 
Wie bereits oben erwähnt, gehört die Keuschheit nicht zu den Tugenden 
der Marshall-Insulaner, Sie verkehren sehr jung schon geschlechtlich mit 
einander, und sind unnatürliche Laster nichts Ungewöhnliches, Auch wird es 
einer Frau, deren Mann sich nicht auf der Insel, vielleicht auf einer Reise, 
befindet, nicht verärgt, wenn sie in dieser Zeit mit Jemand anders verkehrt. 
ES auch die nächste, ist kein Hinderungsgrund für geschlechtlichen 
mgang. 
Die Kindererziehung liegt sehr im Argen oder ist‘ garnicht vorhanden. 
Die Kinder haben von frühester Jugend vollkommene Freiheit sowohl im Essen 
and Trinken als in geschlechtlicher Beziehung. Dals dies natürlich nicht zu 
ihrer Erhaltung beiträgt, ist klar; es kommen auch unverhältnilsmäßig viel 
Todesfälle unter Kindern vor, Die Kinder werden auch nicht zur Arbeit an- 
gehalten, und sie lernen nur das, was sie den Alten absehen. Das Einzige, 
was die Eltern den Kindern beibringen, sind die Gesänge und Tänze, 
Religion besitzen die Eingeborenen nicht; sie haben vielleicht eine un- 
bestimmte Vorstellung von einem höheren Wesen, welches ihnen Gutes oder 
Böses zufügen kann, Sie haben auch eine gewisse Sorte Priester oder vielmehr 
Weissager, welche, sobald sich der Gott ihnen offenbart, die Zukunft voraussagen 
können, Für Letzteres haben sie eine Art Orakel. Ein trockenes Pandanus- 
blatt wird in gleich grofse Stücke zusammengefaltet; hat zufällig das letzte 
Ende des Blattes die gleiche Länge mit den übrigen Stücken, so ist dies ein 
dem Zeichen, Der Kranke, für den auf diese Weise gefragt wird, ob er am 
eben bleibt oder sterben wird, hat dann Hoffnung, am Leben zu bleiben; die 
Reise, die unternommen werden soll, wird günstig ausfallen u. 8. w. Ferner 
sind noch einige wenige Gebräuche vorhanden, in denen die Eingeborenen,. um 
das höhere Wesen günstig zu stimmen, opfern, aber diese Gebräuche sind jotzt 
im Verschwinden und ausgeprägt vielleicht nur noch auf den nördlicheren Inseln 
anzutreffen, 
. Ueberlieferungen von den Vorfahren besitzen die Kingeborenen nur wenig, 
Die hier aufgeführten Sitten und Gebräuche früherer Zeiten sind nur noch in 
der Erinnerung der ältesten Häuptlinge und von diesen den Fremden mitgethoilt, 
Interessant ist eine Ueberlieferung, die sich erhalten hat, dafs früher alle Atolle 
vollkommene Inseln mit Bergen und Thälern gewesen sein sollen. Die Mitte 
dieser Inseln soll allmählich gesunken sein, die Korallen sollen sieh aufsen im 
Umkreis der Insel erhoben haben, und sollen so die Atolle in ihrer jetzigen 
Gestaltung entstanden sein.!) 
. Die gewöhnliche tägliche Lebensweise des Marshall-Insulaners bietet wenig 
Abwechselung. Der Eingeborene steht kurz vor Sonnenaufgang auf, holt die 
4) Durch diese Ueberliefernngen wird die in letzter Zeit vielfach bestrittene Darwin-Dana’sche 
Senkungstheorie zur Erklärding der Entstehung der Korallen-Inseln bekräftigt, A. d. Red. 
Ann, 4, Hydr. ote., 1950, Hoft V.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.