Die Marshall-Inseln,
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Hierbei verfahren sie aulsoerdem mit einer gewissen Berechnung. Sobald sie
hören, dafs Arbeiter gebraucht werden, thun sie, als ob sie gar kein Geld
nothwendig hätten und deshalb auch nicht zu arbeiten brauchten. Es sind
dann lange Unterhandlungen nothwendig, che der Fremde den Eingeborenen
dazu bewegt, sich zur Arbeit zu verdingen, und mufs er in solchem Falle sehr
vorsichtig mit ihm umgehen, damit er die Arbeit nicht wieder verläfst, Anders
lagegen ist es, wenn für jange Zeit keine Arbeit in Aussicht ist, was sie sehr
genau wissen; dann überlaufen sie die Fremden mit dem Gesuch um Arbeit,
besonders, wenn sie sich etwas vom Europäer kaufen wollen. So kommen sie
and fragen: „Hast Du keine Arbeit für mich? Ich hrauche ein Hemde, ich
kann es nicht bezahlen, aber ich will dafür arbeiten“,
Einen Begriff vom Sparen oder Geldzurücklegen haben sie nicht, dagegen
sind sie sehr bereit, Schulden zu machen, und soweit ihnen seitens der Fremden
Kredit gegeben wird, thun sie es auch,
Das Rauchen ist bei beiden Geschlechtern sehr verbreitet; diesen Genuls
lernen sie schon in frühester Jugend kennen. Sie rauchen den vom Europäischen
Händler gekauften Tabak aus einer Thonpfeife oder nach Art einer Cigarette
in ein Pandanusblatt eingewickelt. Sitzen mehrere Eingeborene zusammen, so
geht die Thonpfeife oder Cigarette die Reihe herum, jeder der Umsitzenden
hut einen Zug, bis der Tabak aufgeraucht ist.
Wie bereits oben erwähnt, gehört die Keuschheit nicht zu den Tugenden
der Marshall-Insulaner, Sie verkehren sehr jung schon geschlechtlich mit
einander, und sind unnatürliche Laster nichts Ungewöhnliches, Auch wird es
einer Frau, deren Mann sich nicht auf der Insel, vielleicht auf einer Reise,
befindet, nicht verärgt, wenn sie in dieser Zeit mit Jemand anders verkehrt.
ES auch die nächste, ist kein Hinderungsgrund für geschlechtlichen
mgang.
Die Kindererziehung liegt sehr im Argen oder ist‘ garnicht vorhanden.
Die Kinder haben von frühester Jugend vollkommene Freiheit sowohl im Essen
and Trinken als in geschlechtlicher Beziehung. Dals dies natürlich nicht zu
ihrer Erhaltung beiträgt, ist klar; es kommen auch unverhältnilsmäßig viel
Todesfälle unter Kindern vor, Die Kinder werden auch nicht zur Arbeit an-
gehalten, und sie lernen nur das, was sie den Alten absehen. Das Einzige,
was die Eltern den Kindern beibringen, sind die Gesänge und Tänze,
Religion besitzen die Eingeborenen nicht; sie haben vielleicht eine un-
bestimmte Vorstellung von einem höheren Wesen, welches ihnen Gutes oder
Böses zufügen kann, Sie haben auch eine gewisse Sorte Priester oder vielmehr
Weissager, welche, sobald sich der Gott ihnen offenbart, die Zukunft voraussagen
können, Für Letzteres haben sie eine Art Orakel. Ein trockenes Pandanus-
blatt wird in gleich grofse Stücke zusammengefaltet; hat zufällig das letzte
Ende des Blattes die gleiche Länge mit den übrigen Stücken, so ist dies ein
dem Zeichen, Der Kranke, für den auf diese Weise gefragt wird, ob er am
eben bleibt oder sterben wird, hat dann Hoffnung, am Leben zu bleiben; die
Reise, die unternommen werden soll, wird günstig ausfallen u. 8. w. Ferner
sind noch einige wenige Gebräuche vorhanden, in denen die Eingeborenen,. um
das höhere Wesen günstig zu stimmen, opfern, aber diese Gebräuche sind jotzt
im Verschwinden und ausgeprägt vielleicht nur noch auf den nördlicheren Inseln
anzutreffen,
. Ueberlieferungen von den Vorfahren besitzen die Kingeborenen nur wenig,
Die hier aufgeführten Sitten und Gebräuche früherer Zeiten sind nur noch in
der Erinnerung der ältesten Häuptlinge und von diesen den Fremden mitgethoilt,
Interessant ist eine Ueberlieferung, die sich erhalten hat, dafs früher alle Atolle
vollkommene Inseln mit Bergen und Thälern gewesen sein sollen. Die Mitte
dieser Inseln soll allmählich gesunken sein, die Korallen sollen sieh aufsen im
Umkreis der Insel erhoben haben, und sollen so die Atolle in ihrer jetzigen
Gestaltung entstanden sein.!)
. Die gewöhnliche tägliche Lebensweise des Marshall-Insulaners bietet wenig
Abwechselung. Der Eingeborene steht kurz vor Sonnenaufgang auf, holt die
4) Durch diese Ueberliefernngen wird die in letzter Zeit vielfach bestrittene Darwin-Dana’sche
Senkungstheorie zur Erklärding der Entstehung der Korallen-Inseln bekräftigt, A. d. Red.
Ann, 4, Hydr. ote., 1950, Hoft V.