accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 14 (1886)

ı uR 
Die Marshall-Inseln. 
Eigenartig ist den Marshall-Insulanern das Aufschlitzen ihrer Ohrläppchen, 
welches in jungen Jahren bei Kindern beider Geschlechter vorgenommen wird. 
Die aufgeschlitzten Ohrläppchen werden künstlich so erweitert, dafs sie oft 
1—1,5 de vom Ohr herunterhängen. Das Verfahren hierbei ist folgendes: In 
den Schlitz werden nach und nach. immer größere und stärkere Rippen des 
Pandanus hineingelegt, welche spiralförmig aufgerollt sind, so dafs sie das 
Bestreben haben, sich auszudehnen, Vergröfsert sich das so erweiterte Ohr- 
läppchen nicht mehr, so wird das innere Kinde desselben abgeschnitten. In die 
Backenhaut unterhalb des Ohres wird dann ein Einschnitt gemacht, und läfst 
man nun das abgeschnittene Ende des Läppchens mit der Backenhaut in dem 
Einschnitt verwachsen. Ist letzteres geschehen, so wird durch fortgesetztes 
Einschneiden und Wiederzuwachsenlassen der Backenhaut an der Stelle, wo 
das Ende des Ohrläppchens sitzt, letzteres so weit heruntergezogen, dals es oft 
bis zur Mitte der Backe reicht. Bei sorgfältiger und kunstvoller Ausführung 
dieser Operation kann man die durch das Einschneiden an der Backenhaut 
entstandenen Narben später nicht mehr erkennen, und scheint das Ohrläppchen 
gleichsam aus dem Backenfleisch herausgewachsen zu sein. In das vollendete 
erweiterte Ohrläppchen. stecken sie sich als Schmuck Muscheln, Blätter, die 
einer Lilie ähnliche Blüthe eines auf den Inseln gedeihendon Gewächses, oder 
sie tragen ihren Tabak, Pfeifen und dergleichen darin. 
Die Eingeborenen sind sämmtlich tätowirt, und zwar den Geschlechtern 
nach an den einzelnen Körpertheilen, die Weiber nur an den Armen, Beinen 
and auf der Schulter, die Männer, deren Tätowirung sich nach dem Stande 
richtet, fast auf dem ganzen Körper, Die Häuptlinge haben im Gesicht noch 
vier oder fünf blaue Streifen und manchmal auch auf den Fingern, Ohren und 
Augenlidern, Die Tätowirung soll früher mit grofsen Feierlichkeiten verknüpft 
gewesen sein, auch mußte der erste Häuptling hierzu seine Genehmigung geben. 
Alles dieses soll bedeutende Kosten verursacht haben, so dal ein armer Ein- 
geborener lange Jahre arbeiten mufste, bis er das für die Tätowirung nöthige 
Geld aufgebracht hatte. Die Zeichnung der Tätowirung ist streifenförmig. Die 
Streifen laufen in gewisser Anzahl parallel mit einander entweder horizontal 
oder vertikal über den betreffenden Körperthail, Auch treffen sie sich manchmal 
auf Brust und Rücken in einem Winkel. Figuren sind selten, Figuren ähnliche 
Zeichnungen werden nur auf dem Schulterblatt angetroffen. 
Die Kleidung der Eingeborenen männlichen Geschlechts bildet der Bast- 
rock, welcher aus zwei Bastbüschein besteht, die durch eine etwa lm lange 
schwarz und weiß gesprenkelte Borte verbunden sind. Das eine der Büschel 
wird vorn, das andere hinten auf dem Körper getragen, Gehalten werden 
diese Bastbüschel durch einen Gürtel, der aus mehreren getrockneten Pandanus- 
blättern zusammengelegt ist und mit einer Kokosnufsfaserschnur um die Hüften 
befestigt wird. Dieser Gürtel sitzt so unter den Bastbüscheln, dafs man ihn 
kaum sehen kann; er wird durch das Herumlegen einer langen schwarz-weiß 
gesprenkeiten runden Schnur in den Augen der Eingeborenen bedeutend ver- 
schönert. 
Der Bast zu diesen Röcken wird von dem auf den Inseln wachsenden 
Loa-Busch genommen und hat eine weilse oder braune Farbe. Früher sollen 
nur die Häuptlinge den weilsen Baetrock haben tragen dürfen, dem niederen 
Volk stand nur der braune Rock zu. Jetzt wird dies nicht mehr streng iune- 
gehalten. Der Bastrock ist für die Eingeborenen verhältnifsmäfsig theuer: ein 
guter weißer Bastrock mit Gürtel und Schnur kostet bis zu 5 Doll.; man sieht 
daher häufig Eingeborene nur mit einer Matte, die sie sich um den mittleren 
Theil des Körpers zur Bedeckung der Scham zwischen die Beine herumlegen, 
bekleidet. Matten werden manchmal noch unter oder über dem Bastrock 
getragen, 
Das weibliche Kleidungsstück ist nicht der Bastrock, sondern die Matte, 
welche durch den vorerwähnten Gürtel gesteckt wird. Junge Mädchen tragen 
nur eine Matte vorn, die Erwachsenen zwei Matten, die eine vorn, die andere 
hinten durch den Gürtel gesteckt und lang bis zu den Füllen herabfallend. 
Der Oberkörper ist ohne Kleidungsstück bei beiden Geschlechtern. Als Schmuck 
werden um Hals und im Haar Schnüre von Muscheln, Perlen oder Blumen ge- 
tragen. Die Perlen sind gröfstentheils importirt.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.