Cyklone im Golf von Aden im Anfang Juni 1885,
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der Direktion nicht in solchem Umfange eingegangen, dafs ein vollständiger Ueber-
blick über die Wetterlage, welche vor dem Sturme und während desselben
herrschte, daraus gewonnen werden kann. Es läfst sich indessen soviel er-
kennen, dafs im nordwestlichen Theile des Arabischen Meeres zu Ende Mai
und Anfang Juni der SW-Monsun noch nicht eingesetzt war. Derselbe reichte
vielmehr erst bis nach 11° bis 12° N-Br hinauf (südlich von der Breite von
Kap Guardafui hatte Dampfer „Taormina“ schon am 15. Mai frischen SW-Wind),
während weiter nördlich, in 13° N und höheren Breiten, leichte veränderliche
Winde aus vorwiegend östlicher Richtung herrschten. Wie die Luftbewegung
erkennen läfst, befand sich also in etwa 12° N-Br ein Gebiet verhältnifsmäfsig
niedrigen Luftdruckes, das sich in westlicher Richtung in den Golf von Aden
hinein erstreckte. Der Barometerstand war daselbst vor dem Einsetzen des
Sturmes etwa 757 mm; die Temperatur der Luft war sehr hoch, 30° bis 31° C,;
das Wetter schwül und dunstig, aber trocken. Dies Depressionsgebiet bildete,
wie es scheint, das Bett, an dessen Nordrand der auftretende Orkan sich
fortbewegte.
Das bis jetzt vorliegende Material gestattet nicht, das Phänomen rück-
wärts über die Länge von Sokotra hinaus zu verfolgen, Es bleibt ungewifs, ob
der Orkan weiter von Osten her, aus dem Arabischen Meere, kam oder erst
auf der Höhe der genannten Insel, vielleicht unter der Einwirkung des dort
oft stürmisch wehenden SW-Windes, entstand.!) Durch den Golf von Aden
sind die Berichte jedoch genügend zahlreich, und ist es deshalb möglich, die
Bahn hier mit ziemlicher Sicherheit festzulegen, um so mehr, als die Schiffe,
von welchen Berichte eingingen, zum Theil auf der rechten, zum Theil aber
auch auf der linken Seite der Bahn standen. Durch letzteren Umstand wird
auch die Möglichkeit geboten, zu erkennen, dafs der Sturm ein wirklicher
Wirbelsturm war.
. Nach den Beobachtungen des Französischen Kriegsschiffes „Fabert“, welches
am frühesten in den Orkan hinein gerieth, befand sich dessen Centrum am
Abend des 1. Juni etwa 830 Sm WNW von der Westspitze der Insel Sokotra,
welche letztere, namentlich in ihrer Nordhälfte, ebenfalls vom Orkan heimgesucht
worden sein muß: kann doch der Sand, welchen der Sturm auf dem „Fabert“
mit sich führte, nur von Sokotra stammen. Die Schlufsfolgerung des Französi-
schen Kommandanten, dafs die Richtung, nach welcher das Centrum sich be-
wegte, hier etwas nördlich von West lag, wird unterstützt durch die Beobach-
tungen der Schiffe „Peshawur“ und „Diomed*“ vom 1. bis 2, Juni Mittags, Von
diesen scheint ersteres in dieser Zeit rascher nach West fortgeschritten zu sein,
als der Orkan, da der Wind auf ihm aus SSE 4 allmählich in NNE 8 überging,
Aber auch auf dem ostwärts fahrenden „Diomed“ setzte der Orkan nicht
aus N, sondern aus ENE ein, und ging darauf erst nach N und dann nach
WNW um. :„Diomed“ scheint danach schliefslich auf der linken Seite des
Centrums geblieben zu sein, und seine Angaben allein würden sogar für eine
hoch nördliche Fortpflanzungsrichtung der Cyklone in dieser Gegend sprechen,
was freilich mit den anderen Beobachtungen nicht stimmt. Das auf dem
„Peshawur“,: der zunächst auf der linken Seite des Centrums blieb, beobachtete
temporäre Zurückdrehen des Windes ist später — freilich in weit schwächerm Mafse
— auch auf dem „Donar“ und in Aden oingetreten. Es ist wahrscheinlich, dafs
dasselbe zum grofsen Theil von der elliptischen Gestalt der änfseren Isobaren
und zum Theil auch von der Drehung der langen Axe dieser Ellipse stammt;
aber immerhin macht dies Zurückdrehen es wahrscheinlich, dafs während des-
selben der betreffende Ort noch nicht — wie später bei der gröfsten Nähe des
Centrums — ausgesprochen rechts von der Bahn, sondern in deren Richtung
selbst oder gar links derselben lag, eine Annahme, welcher die übrigen be-
Dampfschiffserhederei in Hamburg, von dem Agenten der Perim Coal Co. Herrn Chr. Schröder in
Hamburg, von Herrn K. K, Plüddemann in Berlin u. az endlich auch vom Direktor des R. Alfred-
Observatoriums zu SS. Louis, Mauritius, Herrn Charles Meldrum. Das von den meteorologischen
Aemtern in Calcutta und Bombay gesammelte Material war leider noch nicht zu erlangen, da von
jenen Aemtern ebenfalls eine Untersuchung dieses Orkans in Angriff genommen ist. Bei der defini-
tiven Herstellung des Manuskripts konnte eine am Hydrographischen Amte der Kaiserlichen Ad-
miralität hergestellte Ausarbeitung benutzt und theilweise mit aufgenommen werden,
1) Hinsichtlich dieser Frage vgl. den „Nachtrag“ zu diesem Bericht.