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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 14 (1886)

150 Sonne als Ursache der Schwankungen des Erdmagnetismus und der Polarlichter. 
und Polarlichter nehmen gleichfalls an Stärke zu. Um die Zeit der maximalen 
Sonuenthätigkeit sind Störungen im regelmäfsigen Verlauf der Erscheinungen 
am auffallendsten und häufigsten, namentlich sind diejenigen Erscheinungen sehr 
auffallend, welche durch Aenderung der Stromstärke verursacht werden. Die 
dadurch auf der Erde und in der oberen Atmosphäre inducirte elektromotorische 
Kraft ist in den meisten Fällen viel stärker als jene, welche durch die Rotation 
erzeugt wird. Diese Induktionserscheinungen sind an keine bestimmte Zeit ge- 
bunden, und die unregelmäßigen Erdströme, Störungen der Magnetnadeln und 
die glänzenden Polarlichter verdanken ihnen ihre Entstehung. 
Die Erde und die obere Atmosphäre sind zu vergleichen mit elektrischen 
Leitern, in welchen, unter dem Einflufs des Sonnenstromes stehend, Induktions- 
ströme erzeugt werden. Wird die Intensität des Sonnenstromes vergrößert, so 
entstehen Induktionsströme, welche von Norden nach Süden gerichtet sind, tritt 
aber Abnahme der Stromstärke ein, so ist die inducirte Stromrichtung von 
Süden nach Norden. Wie auch diese sehr kräftigen Induktionsströme gerichtet 
sein mögen, der Erdmagnetismus lenkt sie stets in der Richtung der Amptre- 
schen Ströme ab, und sie müssen um die magnetischen Pole herumströmen. An 
den Polen sammelt sich Spannungselektricität an, ähnlich wie an den Draht- 
enden einer nicht geschlossenen Induktionsrolle. Wäre die Erde ein einfacher 
glektrischer Leiter, etwa wie ein Draht, so könnte kein geschlossener Strom, 
sondern nur Spannungselektrieität an den Polen entstehen, da sie aber eine 
Kugel ist, kommt die inducirende Kraft der Sonne nicht gleichmäfsig zur Wir- 
kung, sondern auf der Tagseite ist sie stärker, als auf der Nachtseite, und die 
Differenz der stromerregenden Kraft läfst das Zurückströmen eines Theiles der 
Elektricität zu. Da, wo die elektromotorische Kraft am kleinsten ist, wird der 
schwächste Strom entwickelt, und ein stärkerer Strom hat daselbst Gelegenheit, 
theilweise zurückzuströmen. KEin Theil der auf der Tagseite inducirten Elek- 
trieität strömt zunächst um die Pole und dann auf der Nachtseite wieder zurück, 
as werden also auf der Erde und in der oberen Atmosphäre elektrische Ströme 
unterhalten, und außerdem wird dort Spannungselektricität angesammelt. Die 
Dauer des Phänomens richtet sich nach der Dauer der Intensitätsänderung des 
Sonnenstromes. 
Die regelmäfsige Induktion unterscheidet sich dadurch wesentlich von 
der unregelmälsigen, dafs erstere nur geschlossene elektrische Ströme hervor- 
bringt, während letztere aufser diesen auch noch Spannungselektricität an den 
Polen ansammelt. Die polare Richtung der Ströme und das Vorzeichen der 
Spannungselektricität richtet sich natürlich danach, ob der Sonnenstrom ver- 
stärkt oder geschwächt wird, War die Ansammlung der Spannungselektricität 
verhältnifsmälßsig gering, oder läfst die elektromotorische Kraft langsam nach, 
so strömt auch die Elektricität allmählich wieder zurück, und nämlich in der 
Richtung der Ampere’schen Ströme. Ist die Spannung aber sehr grofs und die 
Entladung eine plötzliche, so strömt die Elektricität direkt nach dem Aequator, 
ohne wesentlich durch den Erdmagnetismus von der polaren Richtung abgelenkt 
zu werden, denn die Elektricität giebt äufseren Einflüssen um so weniger nach, 
je höher ihre Spannung ist. Hierdurch läfst sich die Entstehung der Strahlen- 
krone der Polarlichter erklären; die vollständige Bildung derselben trifft nur 
sehr selten zu und ist nur bei den intensivsten Polarlichtern zu erwarten, 
wenn sie aber eintritt, so kündigt sie auch schon das Ende der ganzen Er- 
scheinung an. 
Nach diesen Betrachtungen könnte man nun annehmen, dafs stets gleich- 
zeitig an beiden Polen Polarlichter entstehen müfsten, denn wenn an einem 
Pole positive, so wird am anderen negative Elektricität frei, und die eine kann 
ebenso gut Lichterscheinungen hervorbringen, wie die andere. Thatsächlich ist 
aber das gleichzeitige Auftreten der Polarlichter nicht regelmäfsig, wenigstens 
nicht gleich intensiv. Eine Schwächung des einen oder auderen Polarlichtes 
kann durch die Stellung der Erde zur Sonne bedingt sein, auch kanv die atmo- 
sphärische Elektricität dadurch zur Geltung kommen, dafs sie die negative 
Elektrieität schwächt, die positive aber verstärkt, denn es ist wahrscheinlich, 
dafs stets ein Ueberschußs positiver Elektricität in der oberen Atmosphäre vor- 
handen ist. Wenn also die Intensität des Sonnenstromes zunimmt, so sammelt 
sich am Südpol freie positive und am Nordpol negative Elektricität an. In
	        
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