Ann. d, Hydr. etc, XIy. Jahrg. (1886), Heft IV.
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Die Sonne als Ursache der Schwankungen des Erdmagnetismus
und der Polarlichter,
Von Ed, Holdinghausen,
Zu den wunderbarsten Erscheinungen gehört der Erdmagnetismus und
sein eigenthümliches Verhalten. Die regelmäfßsigen und unregelmäfsigen Schwan-
kungen der Magnetnadel, die elektrischen Erdströme, Polarbanden und Polar-
lichter scheinen im innigsten Zusammenhange mit manchen Erscheinungen auf
der Sonne zu stehen, ja selbst der Stand der Sonne und das Eintreten der
Sonnenfinsternisse haben Kinflufs auf den Erdamagnetismus, Wo Erscheinungen
sind, da sind auch Ursachen, und es handelt sich hier darum, auf Grund der
zahlreichen Erfahrungen, welche wir über das Wesen des Erdmagnetismus be-
aitzen, die wahre Ursache zu erkennen und eine Theorie aufzustellen, welche
mit den Resultaten der Beobachtungen vollkommen harmonirt, Selbstredend
mufs Alles, was als erwiesene Thatsache feststeht, auch als solche bestehen
bleiben, Thatsachen müssen der Theorie als Fundament dienen, denn eine
Theorie kann nur dann richtig sein, wenn sie 8ich auf Thatsachen stützt und
mit ihnen harmonirt.
Gauss') hat nachgewiesen, dafs die absolute Intensität des Krdmagnetismus
30 grofs ist, dafs auf jedes Kubikmeter ihrer Masse soviel Magnetismus kommt,
als acht Stahlstäbe, jeder ein Pfund schwer, im Maximum ihrer Sättigung an-
nehmen können. Selbst wenn die ganze Erde aus magnetischen Erzen bestände,
würde sie diesen Magnetismus nicht fassen können, wie viel weniger, wenn der
gröfste Theil ihrer Masse diamagnetische Eigenschaft besitzt. Man hat dann
die Ursache des Erdmagnetismus den KErdströmen zugeschrieben, welche in der
Richtung von Osten nach Westen die Erde umkreisen, Airy zog sogar aus
seinen Beobachtungen in Greenwich den Schlufs, dafs alle magnetischen Be-
wegungen auf der Erde von elektrischen Strömen herrühren, Diese Ansicht
beruht auf Beobachtung, und es steht soviel fest, dafs mindestena ein grofser
Theil des Erdmagnetismus durch die Erdströme herrorgerufen wird. Es ist
aber auch nicht zu bezweifeln, dafs ein Theil des Krdmagnetismus seinen Sitz
im Metallreichthum der Erde selbst hat, denn seine magnetische Axe liegt fest
in der Erde, so dafs sie an der Rotation Theil nimmt. Ein anderer Theil des
Erdmagnetismus hat wahrscheinlich in der Atmosphäre seinen Sitz, denn wir
wissen, dafs der Sauerstoff nach den Entdeckungen Faraday’s ein paramagne-
tisches Gas ist; die Atmosphäre kann also Magnetismus aufnehmen und zur Ver-
theilung desselben beitragen, Ob durch atmosphärische Vorgänge Magnetismus
erzeugt wird, wissen wir vorläufig nicht, die einzige Möglichkeit würde vielleicht
in der Elektrieitätsentwickelung zu suchen sein,
Sabine stellte die Ansicht auf, dafs der magnetische Zustand der Erde
direkt von der Sonne beeinfßufßt würde, die täylichen und jährlichen Schwan-
kungen der Magnetnadeln geben auch wirklich ein beredtes Zeugnifs davon ab,
and die Koincidenz mancher Erscheinungen auf der Sonne und der Schwankungen
des magnetischen Zustandes der Erde ist eine Thatsache, au welcher heutzutage
kein Astronom mehr zweifelt, Diese Erscheinungen zu erklären, meint Secchi,*)
5) Gauss: Intensitas vis magneticae terrestris ad mensuram absolutam revocata, Göttingae 1833.
N Secchi, Schellen: die Sonne, 1872, Seite 665 und 5674.