Form und Bewegung der Cyklonen.
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Schneefälle an den Seen, welche Loomis aufführt, fallen gerade mit dem Auf-
hören der anomalen Bewegung und der Umkehr des Wirbels nach NE zusammen.
Diese Niederschläge wirkten also in diesem Falle eher abstofsend als anziehend.
Mit Hülfe der Hoffmeyer’schen Karten (1873/76) und der von der
Deutschen Seewarte herausgegebenen Bahnenkarten (1876/84), sowie der inter-
nationalen Bahnenkarten des Signal Office (1877/82) untersuchte Loomis die
abnormen Fortpflanzungsrichtungen nach West für die mittleren Breiten des
Atlantischen Oceans und Europas. Aus 41 Fällen ergab sich eine mittlere
Geschwindigkeit von 15,5 Miles pro Stunde (7m pro Sek.), welches nach meinen
Untersuchungen der mittleren Geschwindigkeit der Cyklonen überhaupt in Europa
entspricht. Eine Untersuchung dieser Fälle ergiebt nach Loomis mit den oben
angegebenen Bezichungen übereinstimmende Resaltate,
Diese Darlegungen dienen Loomis zur Bekämpfung der Ansicht, dafs
die atmosphärischen Wirbel der allgemeinen Bewegung der Luftmassen folgen,
indem er sich auf die Thatsache beruft, dafs die mittlere Windrichtung in den
verschiedenen Klimaten von der mittleren Fortpflanzungsrichtung der Cyklonen
allenthalben abweicht. Für die Westindischen Orkane beträgt diese Abweichung
während der Fortpflanzung nach Westen hin 30°, in der Chinasee erreicht die-
selbe fast einen rechten Winkel, in den westlichen Theilen des Atlantischen
Oceans, in der Nähe von 50° N-Br, sind die Cyklonenbahnen nahezu 30° mehr
nördlich, in den östlichen Theilen bei etwa 55° N-Br um fast ebensoviel mehr
züdlich, als die vorherrschende Windrichtung. Io dem Nordwesten der Ver-
einigten Staaten zwischen dem Felsengebirge und dem Meridian von 90° Gr.
wandern die barometrischen Minima vorwaltend südostwärts,
Aus diesen Ergebnissen zieht Loomis das Resultat, dafs die Fort-
pflanzungsrichtung der Cyklonen nicht mit der Richtung der herrschenden
Winde zusammenfällt und nicht an die allgemeine Luftbewegung gebunden ist,
30 dafs jene durch andere Umstände bedingt ist, wie sie oben angegeben wur-
den. Wir können jener Schlufsfolgerung des Herrn Loomis, so sehr wir auch
die Ansichten dieses um die Meteorologie hochverdienten Mannes achten, nicht
beistimmen, indem seine Untersuchungen, soweit wir es beurtheilen können,
nicht ganz einwurfsfrei sind. Wir wollen unsere Bemerkungen hierüber nur
auf die Verhältnisse, wie sie über dem Atlantischen Ocean und in KEuropa
mafsgebend sind, beschränken.
Zunächst ist darauf hinzuweisen, dafs die Bewegung der Luftschichten
an der Erdoberfläche für die Bewegung der ganzen Luftmassen in den Cyklonen
nicht mafsgebend ist, indem in der Höhe die Luftströmung eine Ablenkung
erfährt, die durch die geringere Reibung und durch die Temperaturvertheilung
bedingt wird. Es ist bekannt, dals in warmer Luft der Luftdruck mit der Höhe
langsamer abnimmt, als in kalter, so dafs also eine Verstärkung oder Schwächung
oder auch Umkehrung der Gradienten mit der Höhe erfolgen mufs, je nachdem
am ein barometrisches Minimum, Luftdruck und Temperatur in demselben Sinne
oder entgegengesetzt vertheilt sind. Der Gradient und mit ihm auch der Wind
wird mit der Erhebung über die Erdoberfläche so geändert, dafs er nach der
niedrigsten Temperatur hinneigt. Zur Winterszeit ist auf dem westlichen
Nordatlantischen Ocean die Wärme beträchtlich höher, als auf dem Amerika-
nischen Kontinente, während der östliche Theil des Oceans Europa an Wärme
übertrifft, und daher dürfte es nicht auffallend erscheinen, dafs der Gradient
and mit ihm auch der Wind auf dem Ocean in den westlichen Theilen nach
links, in den östlichen nach rechts in der Höhe abgelenkt wird, so dafs die
untere Windrichtung keineswegs mit der allgemeinen Luftströmung in der
Cyklone ohne Weiteres identificirt werden kann.
Außerdem sei bemerkt, dafs die von Loomis für die Cyklonenbahnen
des östlichen Theiles des Atlantischen Oceans gefundenen Werthe wohl noch
einer Richtigstellung bedürfen, Nach der von Köppen sorgfältig durchgeführten
kartographischen Darstellung der Zugstrafsen für den Atlantischen Ocean haben
die Cyklonen bei etwa 40°—20° W-Lg v. Gr, eine nordöstliche Richtung,
während Loomis eine fast östliche Richtung annimmt. Dieser Umstand dürfte
darin seinen Grund haben, dafs Loomis hauptsächlich den mittleren Theil des
Atlantischen Oceans berücksichtigte, welcher an der Dampferroute zwischen
Amerika und Europa liegt, und hauptsächlich Theildepressionen in Rechnung
zog, deren Hauptkerne im hohen Norden sich befanden.