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Kleine Notizen,
war so grofs, dafs aus unserer Petroleumladung die Fässer der obersten Lage
anter das Verdeck geschleudert wurden und ferner die Kuppelu von den Lampen
zu Boden stürzten. Die See hatte in der Umgebung des Schiffes eine weifse
Farbe. Der Obersteuermann befand sich mit seiner Wache an Deck; er selbst
stand mit dem Zimmermann auf dem Hinterdeck, während ein Matrose auf der
Back den Ausguck wahrnahm. Die unter Deck befindliche Mannschaft sowie
ich stürzten an Deck, da ein Jeder glaubte, dafs dem Schiffe ein Unfall zu-
yestofsen sei. Nachdem die Erschütterung vorüber war, liefls ich die Pumpen
peilen und wiederholte dies alle zehn Minuten. Der Wasserstand blieb jedoch
unverändert. Zur Zeit der Erschütterung befand sich das Schiff auf 36° 34‘ N-Br
and 22° 26‘ W-Lg. Die See war ruhig, der Wind östlich und leicht; die Fahrt
des Schiffes betrug 3 Kn. KEinige Tage später, bei ganz stillem Wetter und
spiegelglatter See, setzten wir ein Boot aus und fuhren um das Schiff herum,
am zu sehen, ob irgend eine Beschädigung am Holz oder an der Kupferung
stattgefunden habe, fanden aber nichts. Auch blieb das Schiff fernerhin dicht.
Nach Berichten von Zeitungen, die ich bei meiner Ankunft in Triest
einsah, ist die Erschütterung wahrscheinlich die Folge eines Erdbebens gewesen,
da ein anderes Schiff, das sich zu derselben Zeit auch in derselben Gegend
befand, die erwähnte Erscheinung ebenfalls gehabt hat.“
g) Dasselbe Seebeben betrifft wahrscheinlich dor nachstehende, der
„Hamburgischen Börsenhalle“ entnommene briefliche Bericht des Kapt. J. Stricker
von der Deutschen Bark „Elisabeth Rickmers“, damals auf der Reise von Cardiff
nach Rangoon begriffen: „Auf der Höhe der Azoren, in 36° 44‘ N-Br und
21° 17‘ W-Lg, hatten wir um 2* 35” Nachts (das Datum ist nicht angegeben)
ein schweres Erdbeben bezw. Seebeben, welches etwa 3 bis 4 Minuten anhielt.
Die Erschütterung ging von vorne nach hinten und von West nach Ost unterm
Schiffe durch.“
Ein weiterer hierauf Bezug habender Bericht von der Russischen Bark
„Vega“, Kapt. Lundin, ist bereits in diesen Annalen, Heft IlI, S. 182, ver-
öffentlicht. Dies Schiff hatte das Seebeben am 22. Dezember 1884 um 3 Uhr
Morgens und befand sich damals auf 40° 31‘ N-Br und 16° 10‘ W-Lg.,
Soweit aus den Berichten, die in Bezug auf die Zeitangaben naturgemäfs
einigermafsen unbestimmt sind, auf das Fortschreiten des Seebebens geschlossen
werden darf, geschah letzteres anscheinend in östlicher Richtung, und zwar mit
der grofsen Geschwindigkeit von etwa 50 Sm in der Minute. Reducirt man
alle Zeitangaben auf Greenwich-Zeit, so erhält man nämlich für das Fort-
schreiten folgende Tabelle.
Die Erschütterung fand statt:
an Bord von in N-Br in W-Lg um Orts-Zeit um Greenw.-Zeit
„Emma Römer“ 39° 52‘ 28° 34‘ 2" 00° a. m. 3 54” a.m.
„ Ventilia“ 39° 36‘ 24° 23‘ 220” 3 58"
„Carl“ 36° 34‘ 22° 26‘ 220" 34 50°
„Elisabeth Rickmers* 36° 44‘ 21°17‘ 235° „ 4 00°
„ Vega“ 40° 31‘ 16° 10° 3400” 405"
Die drei Schiffe „Emma Römer“, „Ventilia“ und „Vega“ standen etwa
in derselben Breite, die beiden ersteren etwa 190, das zweite und dritte etwa
380 Sm von einander entfernt, Diese Distanzen und die zugehörigen Zeit-
unterschiede von 4” und 7” ergeben ein annähernd gleichmäfsiges Fortschreiten
oach Osten. Auch die Beobachtung von „Elisabeth Rickmers“ ist mit diesen
dreien in sehr guter Uebereinstimmung. Dagegen scheint die Zeitangabe von
„Carl“, der unweit, etwa 50 Sm westlicher als „Elisabeth Rickmers“ stand, um
etwa 10” zu klein zu sein.
Aus der Tiefenkarte des Nordatlantischen Oceans, welche dem von der
Seewarte herausgegebenen Segelhandbuche beigelegt ist, ergiebt sich, dafs die
Schiffe „Elisabeth Rickmers“ und „Carl“, welche die Erschütterung anscheinend
am heftigsten hatten, sich zur Zeit auf einer Wassertiefe von mehr als 4000 m
befanden,
Von dem Schiffe „Hugo“, welches um dieselbe Zeit etwa 70 Sm NNW
von „Emma Römer“ stand, wurde im meteorologischen Journal eine Erschütterung