Vertheilung der Winde am Schwärzen und Azow’schen Meere. 553
Hieraus ergiebt sich die mittlere Windrichtung # und eine Resultante R:
Frühjahr— Sommer Herbst-— Winter . Jahr
P R P R ® R
Vom Bosporus bis Sinope N34°W 35,9 S’56° W 831,0 N82° W 23,5
Von Sinope bis Trapezunt N 34° W 26,8 S34°W 10,4 N63°W 10,9
Demnach herrschen an der Küste Anatoliens Westwinde vor, in der
kalten Jahreszeit von SW, d.h. Landwinde, in der warmen von NW, d. h. See-
winde. Dafs diese Resultate trotz der kurzen Beobachtungsdauer nicht zu sehr
von der Wahrheit abweichen, geht aus den Gutachten vieler Schiffsführer hervor,
welche fortwährende Reisen zwischen dem Bosporus und Batum machen, Diese
Schiffe gehen häufig bei frischem NE-Wind aus dem Bosporus in der Ueber-
zeugung, dafs sie mit der Annäherung an Kap Kerempe für die Fortsetzung der
Reise nach den östlichem Häfen günstige Winde, d. h. West- oder SW-Winde
erhalten, Wenn man demnach das Vorherrschen westlicher Winde an der
Anatolischen Küste das Jahr hindurch als mehr oder minder zuverlässiges
Faktum gelten läfst, so folgt, dafs rings um das Schwarze Meer die Winde
eine kreisförmnige Bewegung umgekehrt wie der Zeiger einer Uhr ausführen,
d. h. die Winde sind wie um ein barometrisches Minimum oder das Centrum
eines Cyklons vertheilt. Dies führt zu dem. Schlufs, daß über dem Schwarzen
Meere eine Fläche niedrigen Luftdrucks lagert; der geringste Druck liegt im
östlichen Theile des Meeres, wo sich die stärkste wirbelartige Bewegung der
Luft bildet, Das Vorhandensein eines barometrischen Minimums in dem öst-
lichen Theile des Meeres wird auch bestätigt durch die hier stattfindende
bedeutende Ausbiegung der Jahres-Isothermen nach Norden, wie es in dem
Atlas der Isothermen von Wild (Atlas zu dem Werk „Ueber die Lufttemperatur
des Russischen Reiches“) ersichtlich ist, und durch die im Verhältnils zu dem
westlichen Theile hohe Oberflächentemperatur,
Aus der Zeitschrift „Bug“ geht hervor, dafs die Oberflächentemperatur
von Sinope bis Batum im Mittel 2°—3° höher ist, als vom Bosporus nach
Sinope. Die erwähnte Lagerung des niedrigen Luftdrucks über dem Meere
und die Vertheilung des Druckes über die anliegenden Theile des Festlandes
bildet die Hauptursache für die eine oder die andere vorherrschende Wind-
richtung an den Küsten. Die Isobarenkarten des Europäischen Russlands von
M. A. Rykatschew zeigen im Jahresmittel über dem südöstlichen Russland
ein bedeutendes Gebiet hohen Luftdruckes, welches sich keilförmig nach dem
südwestlichen Russland erstreckt. Unter dem Einflufs dieses Gebietes bewegt
sich die Luft von NO nach dem Azow’schen und Schwarzen Meere. und biegt
infolge des niedrigen Druckes über den letzteren bei Annäherung an die Küsten
zum Meere hin ab, auf diese Weise im ganzen Nordwesten Nordwinde erzeugend,
Auf die Bildung dieses Nordwindes hat wahrscheinlich auch die nordwestliche
Strömung Einflufs, die sich über ganz Bessarabien erstreckt, wie es die Resultate
in Kischinew ergeben. Diese nordwestliche Luftströmung hat augenscheinlich
ihren Ursprung über den Karpathen, wo nach den Wild’schen Isothermen eine
Region niedriger Temperatur liegt. Die östlichen Winde an der Kaukasischen
Küste verdanken ihre Entstehung ebenso dem vereinigten Einfluls eines be-
deutenden barometrischen Maximums über dem Kaukasus und eines Minimums
über dem Meere. Betrachten wir nun den Zusammenhang der Druckver-
theilung und der vorherrschenden Winde in den einzelnen Monaten
des Jahres, so bemerken wir, dafs der für das Jahresmittel resultirende
niedrige Druck über dem Meere in denjenigen Monaten zu verschwinden scheint,
wo die Temperatur über dem Meere niedriger wird, als über dem Festlande.
Aus dem Atlas der Isothermen von Wild ist ersichtlich, dafs von Oktober bis
Februar die Luft über dem Schwarzen Meere wärmer, von April bis August
dagegen kälter ist, als über dem anliegenden Lande. März und September sind
Uebergangsmonate; im März. ist der westliche Theil des Meeres kälter, der
östliche Theil wärmer, als die umgebenden Küsten; fast ebenso verhält es sich
im September, ‚Deshalb ziehen die Lufttheilchen von Oktober bis Februar dem
Meere, in den übrigen Monaten dem Binnenlande zu. Der Einflufs des Meeres
auf die. Ablenkung der Winde tritt am besten. auf Karte VI hervor, wo die