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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 13 (1885)

Ueber Land- und Seewinde und deren Verlauf, 
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Reye sagt freilich in seinem vortreflichen Werke: „Die Wirbelstürme, 
Tornados und Wettersäulen“ auf Seite 39: „Unter günstigen Verhältnissen 
können die untersten Luftschichten örtlich so stark erwärmt werden, dafs sie 
trotz des auf ihnen lastenden gröfseren Luftdruckes sogar specifisch leichter 
werden, als die über ihnen befindlichen Luftschichten. Beweis hierfür sind die 
trügerischen Luftspiegelungen in den Sandwüsten, welche den ermatteten Kara- 
vanen das Gaukelbild eines Landsees vorzaubern, nicht selten wenige Minuten 
bevor der gefürchtete Wüstensturm sich erhebt und Alles in Wolken heißen 
Sandes einhüllt; denn die Erklärung dieser Luftspiegelung setzt einen derartigen 
Zustand des labilen Gleichgewichts in den untersten Luftschichten geradezu 
voraus. Bei einer zufälligen, vielleicht durch einen Reiter oder den Schatten 
einer Wolke hervorgerufenen Störung des Gleichgewichts setzt sich dann die 
allmählich angesammelte Wärmemenge plötzlich in Bewegung um und reifst in 
heftigem Auftriebe wirbelnde Säulen von Sand hoch mit sich empor.“ Nun 
glaube ich jedoch nicht, dafs die Erwärmung des Bodens an den Küsten je so 
stark wird, um ein vollständiges labiles Gleichgewicht der Luft herbeizuführen 
und ein Durchbrechen der stark erwärmten unteren Luft nach oben hin möglich 
zu machen. Dennoch ist wohl annähernd ein ähnlich gespannter Zustand in der 
Luft des Morgens in den Tropen gegen 10 Uhr vorhanden. 
Nicht allein aber nach oben hin, sondern auch seitwärts streben die 
erwärmten Luftmoleküle, sich auszudehnen, und dies ist die Ursache, daß bei 
Sonnenaufgang die Stillen, die des Nachts in der Nähe des Landes lagerten, 
stets weiter scewärts drängen, und dort, wo an den Küsten Landwinde zum 
Ausdruck gelangen, diese nach Sonnenaufgang auffrischen und nun ebenfalls am 
weitesten seowärts vordringen, Diese haben dann den Motor in der stark er- 
wärmten und schnell sich ausdehnenden Luft des Hinterlandes im Rücken. 
In Rio de Janeiro wehen diese Landwinde im ‚südlichen Sommer von 
5 bis gegen 10 und 11 Uhr Morgens und gewöhnlich um 8 Uhr am frischesten; 
hier sind dieselben den ausgehenden Schiffen von aufserordentlichem Nutzen, 
um mit günstigem Winde den Hafen verlassen zu können, was. sonst ohne Hülfe 
von Schleppdampfern, der engen Einfahrt wegen, kaum möglich wäre. 
Bei Diamond Island, vor der Mündung des Bassein River (Brit. Birma), 
habe ich oft beobachtet, dals des Morgens die Landbriese nach Sonnenaufgang 
auffrischte und dann nach aufsen vordrang. 
Da diese Thatsachen von hohem Werth sind, so führen wir noch einige 
weitere Beobachtungen von anderen Schiffsführern hierüber an. 
Kapitän C. Ringe, Deutsche Bark „Jupiter“, sagt in diesen Annalen 
1882, Seite 115, über San Diego, Küste von Kalifornien, wo derselbe mit 
geinem Schiffe vom 20. Oktober bis 10. November lag: „Der Wind hatte wäh- 
rend des Tages meistens eine westliche Richtung. Des Nachts war gewöhnlich 
Windstille oder leiser Zug von NE bis SE (Landwind), aus letzterer Richtung 
oft erst kurz vor Sonnenaufgang beginnend und gewöhnlich bis 8 Uhr Morgens 
anhaltend.“ 
In diesen Annalen 1877, Seite 166, finden wir folgende Bemerkung über 
Wind und Wetter des Mergui-Archipels angeführt: „Der NE-Monsun oder die 
schöne Jahreszeit beginnt zu Mergut ungefähr Mitte Oktober, zu dieser Jahres- 
zeit ist der Wind Ost, welcher öfters heftig weht. Im Dezember setzt ungefähr 
Mittags die Seebriese aus NW ein, diese geht allmählich bis Sonnenuntergang 
nach N um, und gegen Mitternacht ist der Wind NNE oder E (zuweilen weht 
28 recht stark zwischen Sonnenuntergang und 11 Uhr Morgens des anderen 
Tages).“ 
Es ist zu bedauern, dafs wir so äußerst sparsame Aufzeichnungen in 
dieser Beziehung veröffentlicht finden, und daher nicht zu verwundern, wenn 
so wenig der wirkliche Verlauf der Land- und Seewinde bekannt ist, und möchte 
ich die Bitto an alle Kollegen richten, fleifsige Aufzeichnungen hierüber in 
ihren Journalen zu machen, 
Mit besonderer Freude gebe ich noch einige vorzügliche Aufzeichnungen 
von Herrn Kapt. L. E. Dinklage, damaligem Führer der Bark „Wilhelm 
Kirchner“, jetzigem Vorstand der Abtheilung I der Deutschen Seowarte, die 
derselbe mir freundlichst zur Verfügung gestellt, hier wieder. 
Ann. d. Hydr. eto., 1895, Heft YIH.
	        
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