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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 13 (1885)

Gemeinsamer Ausgangs-Meridian und Universalzeit, 
Weltzeit sich bei dem modernen Handel fühlbar mache, namentlich seit Tele- 
yraphen und Eisenbahnen Staaten verbinden, welche von einander unabhängige 
und gegenseitig stark abweichende Normalzeiten besitzen. Kaufmännische und 
wissenschaftliche Vereine diesseits und jenseits des Oceans hätten schon vor 
Jahren sich zu Gunsten der Annahme einer Uhniversalzeit ausgesprochen. 
Neuerdings in Europa abgehaltene Konferenzen. hätten ferner darauf hingewiesen, 
Jafs die Vereinigten Staaten die gröfste Längenausdehnung irgend eines, von 
Eisenbahnen und Telegraphen durchschnittenen Landes besälsen, und daher von 
diesem Staate die einleitenden Schritte für Abhaltung einer internationalen 
Konferenz zur Berathung des so wichtigen Gegenstandes gemacht werden sollten. 
Nachdem diese Einladung bei den übrigen Regierungen eine günstige Aufnahme 
gefunden hatte, war als Tag des Zusammentritts der 1. Oktober 1884 fest- 
gesetzt worden. 
Auf der Konferenz liefsen sich 25 Staaten, nämlich: Brasilien, Chili, 
Columbien, Costa Rica, Deutschland, Frankreich, Grofsbritannien, Guatemala, 
Hawaii, Italien, Japan, Liberia, Mexico, Niederlande, Oesterreich - Ungarn, 
Paraguay, Russland, Salvador, San Domingo, Schweden, Schweiz, Spanien, 
Türkei, Venezuela und die Vereinigten Staaten Nord-Amerika’s, durch 40 Dele- 
zirte, zum gröfseren Theil diplomatische Beamte, vertreten. Deutschland hatte 
ien Kaiserlichen Gesandten zu Washington, Herrn von Alvensleben, welchem 
zur Assistenz der der Gesandtschaft attachirte Königlich Preufsische Bau- 
inspektor Hinckeldeyn beigegeben war, mit der Theilnahme an der Konferenz 
betraut.!) Als Präsident der letzteren wurde der erste Delegirte der Ver- 
ainigten Staaten, Kontre-Admiral Rodgers, gewählt. 
Die Protokolle über die Verhandlungen liegen jetzt gedruckt vor unter 
dem Titel: „International Conference held at Washington for the purpose of 
fixing a Prime Meridian and a Universal Day (Washington, Gibson Bros.).“ 
Die von dem Delegirten der Vereinigten Staaten, Commander Sampson, 
aufgestellte Resolution fand allgemeine Annahme: 
„That it is the opinion of this Congress that it is desirable to adopt 
a single prime meridian for all nations, in place of the multiplicity 
of initial meridians which now exist.“ 
Hierauf wurde von Rutherfurd, Delegirter der Vereinigten Staaten, 
Jie weitere Resolution eingebracht, den Meridian von Greenwich als inter- 
nationalen Ausgangs-Meridian festzusetzen. 
Hiergegen erhob der französische Delegirte Prof. Janssen Einspruch, 
Die Vortheile eines einheitlichen Nullmeridians hätten sich den Geographen und 
Seefahrern aller Zeitalter fühlbar gemacht und habe Frankreich bereits im 
17. Jahrhundert eine Reform durchführen wollen. Im Prineip stimme Frank- 
reich daher auch der Annahme eines Einheits-Meridians durchaus zu. Ein solcher 
müsse indefßs einen vollständig neutralen Charakter tragen und ausschließlich 
30 gewählt werden, dafs er der Wissenschaft und dem internationalen Handel 
allen möglichen Vortheil biete, im Besonderen solle er keinen grofsen Kontinent 
durchschneiden, weder Europa noch Amerika, und lediglich auf geographischer 
Grundlage beruhen. Die vielfachen Bestrebungen zur Schaffung eines KEinheits- 
Meridians für die Längenangabe seien bisher aus zwei Gründen stets fehlgeschlagen, 
von denen einer wissenschaftlicher, der andere moralischer Natur sei. Ersterer 
destand darin, dal es den Vorfahren unmöglich war, die gegenseitige Lage 
ron Punkten auf der Erdkugel genau zu bestimmen, namentlich wenn eine vom 
Festlande weit entfernte Insel in Betracht kam, wie bei dem von Marinus aus 
Tyrus und von Ptolemaeus durch die Glückseligen (Canarischen) Inseln, dem 
westlichen Ende der damaligen bekannten Welt, gelegten Meridian, Dies gab 
Anlafs, den Ersten Meridian auf den Kontinent zu verlegen, und anstatt nun 
einen von der Natur gegebenen Anfangspunkt zu wählen, griff man nach Haupt- 
städten, Observatorien u, s. w. Auf diese Weise führte der zweite, moralische 
Grund, der Nationalstolz, zur Annahme mehrerer geographischer Anfangspunkte 
für die Länge. Bei der hierdurch entstehenden Verwirrung nahm Kardinal 
4) Zur Ertheilung etwa wünschenswerther Informationen waren Seitens der Vereinigten Staaten 
aoch die Professoren Newcomb, Hildgard, A. Hall, Valentiner (Karlsruhe) und Sir William 
Chomson eingeladen worden.
	        
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