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Der Ursprung der atmosphärischen Elektricität,
elektromotorische Spannung, sondern vorzugsweise durch Influenz statt. Die
zurückgestofsene negative Elektrieität der Luft mufs sich dann zunächst in
höhere Schichten begeben, zwischen die untere und obere positive Schicht,
Die negative Elektricität hat dann das Bestreben, noch weiter bis zur oberen
positiven Schicht emporzusteigen, kommt aber bei dieser Gelegenheit in den
cirkulirenden Luftstrom und wird wieder mit hinabgezogen und somit gewaltsam
der Erde zugeführt. Der aufwärts gerichtete Luftstrom giebt nämlich oben bei
gleichzeitiger Kondensation seiner Wasserdämpfe die positive Elektricität zum
grofsen Theil an vorhandene Wolken ab und bewegt sich dann wieder nach
unten. Die Erscheinungen gehen Hand in Hand, denn durch Verminderung der
Elektricität in der Luft hört die Repulsivkraft auf, und die nachfolgende
Zusammenziehung hat ein Fallen der Luft zur Folge. Wenn eine nur schwach
mit Elektricität geladene Luftströmung in die Höhe steigt und die aufgelösten
Wasserdämpfe zu sichtbarem Dunst kondensiren, so überzieht sich der Himmel
milchig, wie mit einem weifsen Schleier, und die Elektricität strömt dann all-
mählich aus dem Innern der Luft- und Dunstmassen an deren Oberfläche. Ent-
stehen aufserdem durch Influenz mehrere entgegengesetzte elektrische Schichten
über- oder nebeneinander und werden diese Schichten durch irgend eine Luft-
strömung von einander getrennt, so findet auch gleichzeitig die Trennung der
Elektricität statt. „Die vorwiegende Ursache der atmosphärischen
Elektricität besteht demnach in Influenz und Transport“.
Die Erdatmosphäre ist unter dem Einfluß der Sonnenwärme zu vergleichen
mit einer Influenz-Elektrisirmaschine; die Luft stellt den die Elektricität über-
tragenden Isolator vor, die Erde den Induktor und die Wolken den Receptor.
Gleichzeitig können auch die Wolken Induktor und die Erde Receptor sein,
denn erstere sind gleichfalls fähig, in einem vorüberziehenden Luftstrom Elek-
Sricität zu influiren, und die Erde empfängt ebensowohl negative als die Wolken
positive Elektricität. Dieses ist die häufigste Art der Elektricitätserregung in
der Atmosphäre, nämlich durch cirkulirende Luftströme, welche unter dem
Einflufs der Sonnenwärme in Thätigkeit erhalten werden. Man findet sie am
häufigsten an Bergabhängen, Küsten, Inseln, doch kommen sie auch auf flachem
Lande und auf der See vor. Es ist indessen nicht nothwendig, dafs für den
Transport elektrischer Schichten vertikale Luftströme vorausgesetzt werden,
unter Umständen können auch horizontale Strömungen den elektrischen Proze([s
bewirken; z. B. wenn kalte Nordwinde unter einem feuchten Südwind dahin-
strömen, oder wenn Südwinde durch Gebirge in höhere Luftschichten abgelenkt
werden,
Ein interessantes Beispiel der ersten Art, bei welchem die Elektricität
durch vertikale Strömung hervorgerufen wurde, wurde auf der Halbinsel Florida
beobachtet oder vielmehr hervorgebracht. Wenn Luft ruhend über der Erde
liegt und durch den heißen Boden erwärmt wird, so findet gleichzeitig
Absorption. von Wasserdampf und Vertheilung der Elektricität statt. Der
Amerikaner Espy fand durch Versuche, dafs in den regenlosen Monaten durch
gröfsere Feuer Sturm und Regen hervorgerufen werden kann; diese Entdeckung
veranlafste den Kapt. Makay, durch Anzünden des Schilfes in den Schilf-
weihern der Küste Florida’s Gewitter zu erzeugen. Die lokale Wärme-Ent-
wickelung. des Feuers störte das labile Gleichgewicht der unteren erhitzten
Luftschicht, und diese strömte dann sammt dem aufgelösten Wasserdampf und
der Elektricität in höhere Luftschichten über. Nachher entwickelte sich daraus
zine Wolke, an deren Oberfläche alsbald die Elektricität angesammelt war,
welche nun ihrerseits Blitz, Donner und Gewittersturm hervorbrachte. In ähn-
licher Weise entstehen auch die heftigen Gewitter in der Rheingegend, ihnen
gehen meistens gewaltige Wirbelstürme vorauf, die durch das Emporsteigen
der erwärmten Luft hervorgerufen werden. Die Wirbelstürme können mecha-
nischen, aber auch elektrodynamischen Ursprungs sein und bilden nur einen
Theil des grofsartigen Phänomens. Näheres findet sich in Reyhe, die Wirbel-
stürme, welchem Werke auch das obige Beispiel entnommen.
Wenn ein kalter Nordostwind einem warmen Südwestwinde begegnet, so
können zur Erklärung des elektrischen Prozesses folgende Betrachtungen dienen:
Der Südwestwind ist mit Wasserdämpfen gesättigt, und seine Elektricität,
welche bereits in südlicheren Gegenden durch Influenz und Transport in ibm