376 Der Ursprung der atmosphärischen Elektricität.
Elektrieität in den Wolken selbst vor sich ginge, so müfsten gleichzeitig positiv
und negativ elektrische Wolkenmassen dicht nebeneinander entstehen, welche
ungeregelt durcheinander flögen und ihre Elektricität sofort wieder neutralisirten.
Es ist aber durchaus unwahrscheinlich, dafs die Entstehung der Elektricität in
den Wolken selbst vor sich geht, es sei denn, dafs eine bereits elektrische
Wolke in einer anderen durch Influenz Elektricität erregte. Wenn mehrere
entgegengesetzt elektrische Schichten über- oder nebeneinander liegen, so ist
Influenz fast ausschliefslich als Ursache anzusehen. Die feuchte Luft leitet die
Elektrieität sehr langsam, aber was ihr an Leitungsfähigkeit fehlt, das wird
ihr durch die leichte Beweglichkeit ersetzt, d. h. die Elektricität wird vor-
wiegend durch Luftströmungen ausgeglichen. Daher sind auch die Wirbel in
einer Gewitterwolke als Uebertrager der inneren Elektrieität nach der Ober-
fläche der Wolke, sowie überhaupt nach Wolkentheilen von erheblicher Potential-
differenz zu betrachten. Alle in und um eine Gewitterwolke vorkommenden
Wirbel leiten und übertragen die Elektricität au andere Körper, sind also Enut-
ladungsersceheinungen. Freilich können Wirbel der verschiedensten Art auf-
treten; Wärme- und Elektricitätsdifferenzen in Gasmassen bringen lokale
Strömungen hervor, welche in sich selbst geschlossen sind, d. h. lokale Luft-
strömungen sind nichts Auderes als Wirbel, denn der Raum, aus welchem ein
Gas herausströmt, wird von anderem Gase wieder angefüllt, welches von ersterem
direkt oder indirekt verdrängt wurde. Die rotirende Bewegung der Tromben
scheint hingegen elektrodynamischen Ursprungs zu sein, denn in ihnen findet
eine mächtige Entladung durch Ueberströmen der Elektricität statt, welche unter
dem Einflufßs des Erdmagnetismus fähig ist, Rotation der durchströmten Dunst-
massen hervorzurufen. Werden aber Wirbelwinde durch Reibung der Luft-
massen auf der Peripherie anderer Wirbel oder Cyklonen hervorgerufen, so
eben ie stets die entgegengesetzte Drehungsrichtung, als der ursprüngliche
irbel.
Hinsichtlich der Hagelbildung bin ich mit Herrn Dr. P. Andries einerlei
Meinung, die Hagelkörner scheinen, so lange sie noch klein genug sind, zwischen
mehreren entgegengesetzt elektrischen Schichten, ähnlich dem elektrischen Kugel-
tanz, hin und her geschleudert und von den in gleicher Weise bewegten Wolken-
massen erfafst und mitgerissen zu werden, Dabei kann sich eine Cirkulation
der ganzen bewegten Masse herausbilden, welche den in der Wolke auftretenden
Wirbelsturm repräsentirt. Die Hagelkörner würden dann, wenn sie eine gewisse
Schwere im Vergleich zu ihrer Oberfläche und der Spannung der KElektricität
erlangt haben, herabfallen, und ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dafs
sie noch mehrere elektrische Schichten passiren müssen. Daraus ist erklärlich,
dafs die Hagelkörner um so dicker werden, je heftiger der Elektricitätsaustausch
zwischen den entgegengesotzten Schichten, also je gröfser die Spannung ist.
Im Nachfolgenden sei nun der Versuch gemacht, eine andere Theorie
über den Ursprung der atmosphärischen Elektricität zu entwickeln, ich glaube
dadurch dem fraglichen Problem etwas näher zu kommen.
Die atmosphärische Elektricität hat ihren Ursprung nur in atmospärischen
Vorgängen, namentlich sind es die Wirkungen der Sonnenstrahlen, welche einen
hervorragenden Einflufs auf den elektrischen Zustand der Luft ausüben; da nun
durch die Sonnenwärme vorzugsweise atmosphärische Strömungen hervorgerufen
werden, so liegt auch die Vermuthung nahe, -dafs letztere die Entstehung der
Elektricität verursachen. "Trotz aller Experimente ist nicht nachweisbar, dafs
durch direkte Einwirkung der Sonnenstrahlen, noch durch Verdunstung oder
Kondensation des Wassers, noch durch Reibung der Luft an Wassertröpfchen
oder Eisnadeln Elektrieität in so hohem Grade hervorgerufen wird, dafs der
gewaltige mechanische Effekt einer Gewitterwolke danach erklärt werden könnte.
Dieser setzt vielmehr energische Kräfte voraus, welche zur Bildung der Elek-
tricität nöthig sind, und nur in dauernden Luftströmungen kann jene Arbeit
gesucht werden, welche in einer Gewitterwolke aufgespeichert ist.
In feuchter Luft pflanzt sich bekanntlich die Elektricität langsam fort,
wahrscheinlich wird sie von einem Dunstkügelchen auf das nächstfolgende über-
tragen, und so vergeht geraume Zeit, bis sie eine gröfsere Strocke zurückgelegt
hat. Feuchte Luft nimmt Elektricität an, man kann z. B. durch ausströmende
Elektrieität einen Luftstrom hervorrufen, mit welchem man eine Lichtflamme