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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 13 (1885)

376 Der Ursprung der atmosphärischen Elektricität. 
Elektrieität in den Wolken selbst vor sich ginge, so müfsten gleichzeitig positiv 
und negativ elektrische Wolkenmassen dicht nebeneinander entstehen, welche 
ungeregelt durcheinander flögen und ihre Elektricität sofort wieder neutralisirten. 
Es ist aber durchaus unwahrscheinlich, dafs die Entstehung der Elektricität in 
den Wolken selbst vor sich geht, es sei denn, dafs eine bereits elektrische 
Wolke in einer anderen durch Influenz Elektricität erregte. Wenn mehrere 
entgegengesetzt elektrische Schichten über- oder nebeneinander liegen, so ist 
Influenz fast ausschliefslich als Ursache anzusehen. Die feuchte Luft leitet die 
Elektrieität sehr langsam, aber was ihr an Leitungsfähigkeit fehlt, das wird 
ihr durch die leichte Beweglichkeit ersetzt, d. h. die Elektricität wird vor- 
wiegend durch Luftströmungen ausgeglichen. Daher sind auch die Wirbel in 
einer Gewitterwolke als Uebertrager der inneren Elektrieität nach der Ober- 
fläche der Wolke, sowie überhaupt nach Wolkentheilen von erheblicher Potential- 
differenz zu betrachten. Alle in und um eine Gewitterwolke vorkommenden 
Wirbel leiten und übertragen die Elektricität au andere Körper, sind also Enut- 
ladungsersceheinungen. Freilich können Wirbel der verschiedensten Art auf- 
treten; Wärme- und Elektricitätsdifferenzen in Gasmassen bringen lokale 
Strömungen hervor, welche in sich selbst geschlossen sind, d. h. lokale Luft- 
strömungen sind nichts Auderes als Wirbel, denn der Raum, aus welchem ein 
Gas herausströmt, wird von anderem Gase wieder angefüllt, welches von ersterem 
direkt oder indirekt verdrängt wurde. Die rotirende Bewegung der Tromben 
scheint hingegen elektrodynamischen Ursprungs zu sein, denn in ihnen findet 
eine mächtige Entladung durch Ueberströmen der Elektricität statt, welche unter 
dem Einflufßs des Erdmagnetismus fähig ist, Rotation der durchströmten Dunst- 
massen hervorzurufen. Werden aber Wirbelwinde durch Reibung der Luft- 
massen auf der Peripherie anderer Wirbel oder Cyklonen hervorgerufen, so 
eben ie stets die entgegengesetzte Drehungsrichtung, als der ursprüngliche 
irbel. 
Hinsichtlich der Hagelbildung bin ich mit Herrn Dr. P. Andries einerlei 
Meinung, die Hagelkörner scheinen, so lange sie noch klein genug sind, zwischen 
mehreren entgegengesetzt elektrischen Schichten, ähnlich dem elektrischen Kugel- 
tanz, hin und her geschleudert und von den in gleicher Weise bewegten Wolken- 
massen erfafst und mitgerissen zu werden, Dabei kann sich eine Cirkulation 
der ganzen bewegten Masse herausbilden, welche den in der Wolke auftretenden 
Wirbelsturm repräsentirt. Die Hagelkörner würden dann, wenn sie eine gewisse 
Schwere im Vergleich zu ihrer Oberfläche und der Spannung der KElektricität 
erlangt haben, herabfallen, und ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dafs 
sie noch mehrere elektrische Schichten passiren müssen. Daraus ist erklärlich, 
dafs die Hagelkörner um so dicker werden, je heftiger der Elektricitätsaustausch 
zwischen den entgegengesotzten Schichten, also je gröfser die Spannung ist. 
Im Nachfolgenden sei nun der Versuch gemacht, eine andere Theorie 
über den Ursprung der atmosphärischen Elektricität zu entwickeln, ich glaube 
dadurch dem fraglichen Problem etwas näher zu kommen. 
Die atmosphärische Elektricität hat ihren Ursprung nur in atmospärischen 
Vorgängen, namentlich sind es die Wirkungen der Sonnenstrahlen, welche einen 
hervorragenden Einflufs auf den elektrischen Zustand der Luft ausüben; da nun 
durch die Sonnenwärme vorzugsweise atmosphärische Strömungen hervorgerufen 
werden, so liegt auch die Vermuthung nahe, -dafs letztere die Entstehung der 
Elektricität verursachen. "Trotz aller Experimente ist nicht nachweisbar, dafs 
durch direkte Einwirkung der Sonnenstrahlen, noch durch Verdunstung oder 
Kondensation des Wassers, noch durch Reibung der Luft an Wassertröpfchen 
oder Eisnadeln Elektrieität in so hohem Grade hervorgerufen wird, dafs der 
gewaltige mechanische Effekt einer Gewitterwolke danach erklärt werden könnte. 
Dieser setzt vielmehr energische Kräfte voraus, welche zur Bildung der Elek- 
tricität nöthig sind, und nur in dauernden Luftströmungen kann jene Arbeit 
gesucht werden, welche in einer Gewitterwolke aufgespeichert ist. 
In feuchter Luft pflanzt sich bekanntlich die Elektricität langsam fort, 
wahrscheinlich wird sie von einem Dunstkügelchen auf das nächstfolgende über- 
tragen, und so vergeht geraume Zeit, bis sie eine gröfsere Strocke zurückgelegt 
hat. Feuchte Luft nimmt Elektricität an, man kann z. B. durch ausströmende 
Elektrieität einen Luftstrom hervorrufen, mit welchem man eine Lichtflamme
	        
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