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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 13 (1885)

Nordenskjöld’sche Expedition nach Grönland 1883. 
d) Nach zahlreichen Beobachtungen dänischer Ansiedler und Seeleute 
an der Südküste Grönlands erscheint das polare Eis dort stets im Mai, Juni 
und Juli, während es im November, Dezember, Januar und Februar ver- 
schwindet. 
Wenngleich natürlich Abweichungen von diesen Angaben vorkommen, 
weil die Eismenge in den verschiedenen Jahren nicht dieselbe ist, so geht doch 
aus ihrer Uebereinstimmung hervor, dafs der Polarstrom schon im Januar und 
Februar in seinen nördlichsten Theilen zu schwellen beginnt und sein Maximum 
im Frühjahr erreicht, während des Sommers an Stärke abnimmt und im Herbst 
und Winter verhältnilsmäfsig unbedeutend ist. In den südlicheren Theilen tritt 
dieser Wechsel natürlich später ein, als in den nördlichen, Die früheren Ex- 
peditionen, welche die Ostküste Grönlands mitten im Sommer zu erreichen ver- 
3uchten, haben keinen Erfolg gehabt, während dies Nordenskjöld im September 
gelungen ist. nn 
An der Westküste Grönlands nahm Petermann!) einen warmen 
Strom an, der sich nach Norden, bis nach Melville-Bai, Smith-Sund, Jones-Sund 
und Lancaster-Sund erstreckt und diese Gewässer zu gewissen Zeiten navigirbar 
macht. Bessels dagegen, der wissenschaftliche Leiter der Polaris-Expedition 
1871—738, behauptet,?) dafs diese Annahme sich nicht auf die Kenntnis der 
wirklichen Verhältnisse stütze; über 75° N-Br hätte sich keine Spur eines 
warmen Stromes gezeigt; er scheint geneigt, die Existenz dieses Golfstrom-Arms- 
überhaupt zu bezweifeln. Die auf der Nordenskjöld’schen Grönland-Expedition 
gemessenen Temperaturen an der Westküste Grönlands waren durchweg niedrig, 
sogar unter 0°. In gröfseren Tiefen wurden immer sehr niedrige Temperaturen 
gefunden, während der Salzgehalt verhältnifsmäfßfsig gering war. Folgende 
Beobachtungen mögen dies beweisen. 
N-Br W-Lg Tiefe Temperatur 
in Meter C 
61° 15° 49° 11 
» ” 
65 ’15 53 "80 
2 » 
70 °29 55 40 
17 
m 
4,1 
0,2 
+44 
+10 im 
—02. 8.374 
v 
40 
90 
Diese Messungen scheinen Petermann’s Annahme eines warmen Stromes 
längs der Westküste Grönlands nicht zu bestätigen, und doch kann er in ge- 
wisser Beziehung Recht haben. Carpenter weist das Vorhandensein aus- 
gedehnter Schichten von verhältnifsmäfsig warmem Wasser in den von der 
Küste Grönlands weiter abgelegenen Theilen des Davis-Sundes nach,*) und es 
erscheint natürlich, dafs der amerikanische Polarstrom, dessen Existenz ein 
Faktum ist, in den östlichen Theilen der scharf begrenzten Bucht, deren innerer 
Theil Baffins-Bai genannt wird, einen Gegenstrom erzeugt, Vor 30 Jahren hat 
Irmiager auseinandergesetzt, dafs der Polarstrom Ost-Grönlands, nachdem 
er Kap Farewell erreicht hat, noch weiter west- und nordwärts längs der Küste 
fliefst. Dafs der Polarstrom, oder vielleicht richtiger das Polareis, so seine 
arsprüngliche Richtung ändert, scheint zu beweisen, dafs ein Arm des Golf- 
stromes wirklich in den Davis-Sund flielst. Aber während des gröfsten Theils 
des Jahres hat dieser Arm mit Petermann’s Strom nur die Richtung gemein; 
seine Temperatur kann sehr verschieden sein. Wenn deshalb, wie Petermann 
glaubte, ein Arm des Golfstroms dem Davis-Sund zufliefst, so trifft er den 
Polarstrom bei Kap Farewell und führt einen grofsen Theil seines Treibeises 
mit nach Westen und Norden, welches die Temperatur und den Salzgehalt so 
vermindert, dafs das Wasser den Charakter eines kalten Stromes annimmt. 
Diese Einflüsse des Polaratromes treten am deutlichsten an der Südwestküste 
‘') „Pet. Mitth.“ 1867, S. 184, und 1870, S. 220. 
) Scientific results of the United States Arctic expedition, vol. I, S. 13. Washington 1876. 
% Proc. of the Royal Society, vol. 25, S. 230. 
Ann. d. Hrydr. ate.. 1885. Heft I.
	        
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