Neuere Forschungen über Westindische Orkane.
sind, zu überraschen und jene, welche kurz vorher nach dem Norden abgesegelt
sind, einzuholen pflegen. ;
Hat man in Havana den Orkan im Norden oder im NW-Quadranten, so
ist 1) die Schiffahrt nach Osten nicht nur gefahrlos, sondern durch die raumen
Winde begünstigt, und kann 2) auch die Fahrt nach Norden und Westen ohne
Gefahr unternommen werden, wenn der Orkan bereits umgewandt ist, weil in
diesem Falle der Sturm schneller fortschreitet, als das Schiff, und sich von
diesem rasch entfernt; wenn aber der Orkan noch im Umwenden begriffen ist,
80 wird, wenn auch die Reise nach Westen in gewissen Fällen ohne Gefahr
gemacht werden kann, dieselbe stets sehr ungünstig sein, weil man gegen den
Wind und schwere See anzukämpfen haben wird, unter unnützer Verschwendung
von Kohlen und Abnutzung des Schiffes; nach dem Norden kann man in diesem
Falle ohne Gefahr segeln. Auf alle Fälle ist die Sachlage hier recht einfach,
and wenn der Kapitän nicht absichtlich in die Cyklone hineinfährt oder nicht
auf ihre Vorderseite sich begiebt, so ist es sicher, dafs diese ihn nicht auf-
suchen wird. Es ist allerdings klar, dafs man in diesem Falle nicht wagen
soll, den Kanal zu passiren, indem man in den Wirbel hineindringt oder ihn
an seiner West- oder Südwestseite läfst, sondern wohl darauf achten, dafs
das Umbiegen und das Verschwinden derselben in der Richtung nach Nord
oder Nordost stattfinde.
Die Kapitäne der Fahrzeuge, welche von Spanien nach der Insel Cuba
über Porto Rico fahren, müssen vom Juli bis Ende Oktober beim Kintritt in die
Zone der Orkane sehr aufmerksam sein auf die ersten Anzeichen eines Orkans,
am nicht überrascht zu werden, in Anbetracht dafs die Wirbelstürme auf dem
ersten (d. h. nach NW gerichteten) Stücke ihrer Bahn heftig und von kleinem
Radius sind und ziemlich rasch fortschreiten.
Wenn bei den ersten Anzeichen der Ort des Orkans sich im Süden oder
Südwesten zeigt, wird bei blofsem Aufhalten der Fahrt oder Verringerung der
Geschwindigkeit der Orkan sich entfernen nach West oder Nordwest. Wenn
dieselben zwischen Südost und Süd erscheinen, ist es rathsam, nicht weiter
seinen Kurs zu verfolgen oder mindestens nur mit grofser Vorsicht und indem
man seinen Gang verzögert, bis man nicht den Orkan nach dem Südwesten
sich verschieben sieht.
Wenn das Wirbelcentrum bei den ersten Anzeichen eines Orkans im
Südosten oder SEzE sich befindet, so ist das Schiff in sehr kritischer Lage,
vielleicht auf der Bahn des Centrums selbst, oder nicht weit von derselben im
gefährlichen Halbkreise. Man drehe bei und suche so weit als möglich nach
Nordost zu kommen, indem man die divergirenden Windstölßse der ersten Schauer
ausnutzt, vordem sich die cyklonischen Winde des Sturmkörpers selbst ein-
gestellt haben. Wenn es sich während dieses Manövers zeigt, dafs das Wirbel-
centrum im Süden vorbeigeht, so liege man fortdauernd. bei mit St-B.-Halsen,
immer weiter anluvend, je mehr der Wind nach rechts umgeht, bis der Sturm
sich im SW bis NW von einem befindet. Hat man das Schiff von Anfang an
beigelegt und sieht man unter Berücksichtigung des stets nur geringen Fort-
schreitens des Schiffes gegen Nordost, dafs das Wirbelcentrum nahezu in der-
selben Richtung verbleibt, und dafs das Barometer rasch fällt, während der
Wind beständig stärker wird, so befindet sich das Schiff in der Bahn des
Centrums oder sehr nahe daran. MNur in diesem äußersten Falle, und wenn
der Kapitän sehr sicher ist von der Sachlage, halte ich es für gerathen, die
Lage beim Winde aufzugeben und zu lenzen, um dem Sturm womöglich zu ent-
gehen. Bei diesem Manöver halte ich es, in Anbetracht der Konvergenz der
unteren Luftströme, für das Beste, nicht platt vor dem Winde, sondern stets
mit dem Winde von St-B. zu segeln.
Wenn das Centrum sich von Ostsüdost oder zwischen Ost und Ostsüdost
zeigt, so ist es am wahrscheinlichsten, dafs das Fahrzeug entweder auf der
Bahn selbst oder auf der maniablen (linken) Seite sich befinden werde. In
diesem Falle würde Beidrehen heifsen eine werthvolle Zeit verlieren, und ist
das Zweckmäfsigste, schleunigst nach Südwest zu segeln und dabei zu beob-
achten, ob der Orkan sich nach NW oder nach NE entfernt.
Schliefslich, wenn der Orkan im Ost oder Ostnordost sich zeigt, so laufe
man gegen Südwest, falls der Wind auffrischt und das Barometer fortdauernd
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